Vorbericht zum diesjährigen Klaviersommer in der Rheinischen Post

Klaviersommer mit Talenten

15.5.2012 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

In der Musikschule sind wieder hervorragende junge Pianisten zu hören. Diesmal treten drei Künstler aus dem fernen Osten sowie ein junger Russe auf. Die Konzerte sind ein Gütesiegel für Wesels Kultur geworden.
VON MARTHA AGETHEN

"Wer sich in Asien als junger Künstler aus der Masse heraushebt, ist interessiert daran, nach Europa zu kommen", sagte Musikschulleiterin Dagmar Beinke-Bornemann im Vorfeld des 14. Weseler Klaviersommers. Auch diesmal erscheinen insofern wieder drei Künstler aus dem fernen Osten. Den Auftakt zu der etablierten, beliebten Reihe am frühen Sonntagabend macht allerdings ein junger Israeli, der in Russland geboren wurde: Boris Giltburg. Er wird am Pfingstsonntag, den 27. Mai mit Beethovens letzter Sonate in c-Moll op. 111 beginnen. Zu seinem Konzert gehören auch die Papillons von Schumann, eine Sonatine von Ravel und die Sonate 2 b-Moll von Rachmaninov. Peter Grote, künstlerischer Direktor bei Kawai Krefeld, schildert den 1984 geborenen Künstler, den er kürzlich in Tel Aviv getroffen hat, als einen soliden, professionellen Pianisten, der bereits auf eine stabile, internationale Karriere zurückschauen kann. "Ich bin überzeugt davon, dass er hier einen tollen Eindruck hinterlassen wird!"

Glücksfall für Wesel

Grote ist häufig in der ganzen Welt unterwegs, um sich junge Künstler anzusehen. Da kommen schnell bis zu 60 Konzerte zusammen, zumal seine Frau, die Pianistin Anna Malikova, weltweit Kurse gibt. So lernte er auch John Chen kennen, der das Konzert am 24. Juni mit Werken von Beethoven, Eneso, Buchanan und Schumann bestreitet. Ihn erlebte Grote, als er beim Sydney Int. Piano Competion of Australia" 2004 als jüngster Preisträger den ersten Preis holte. Es brauchte lange, bis sich eine Gelegenheit ergab, dieses Supertalent zu verpflichten, da die Reise von Neuseeland nach Deutschland, wo der junge Malaie lebt, äußerst kräftezehrend ist. Derzeit aber befindet sich John Chen im Aufbaustudium in Hamburg. Ein Glücksfall! Grote machte es sehr stolz, dass sich Chen in Sydney den Kawai-Flügel aussuchte. Wettbewerbsteilnehmer dürfen sich ihre Lieblingsmarke dort selbst wählen.

Am 15. Juli kommt Dasul Jung, eine junge Koreanerin, die Grote bei einem Meisterkurs kennengelernt hast. "Diese hoch talentierte, frisch spielende Musikerin ist ein blendendes Beispiel, wie authentisch sich Asiaten in die europäische Musik einfühlen." Jung spielt Schumann, Chopin, Debussy und Haydn. Zuletzt kommt am 26. August Jaehan Lim, der heute erst 19 Jahre alt ist und damit jüngster diesjähriger Pianist. Für Grote ein Künstler mit viel Sinn und Verstand für unsere Musik! "Das wird einen tollen Klavierabend hergeben!", versichert er. Jaehan Lim spielt Bach, Beethoven und Schumann.

Wie immer ist neben der Stadt und der Musikschule auch der Städtische Musikverein im Boot. Die Sparkasse sichert die Reihe finanziell. Vorsitzender Dr. Hans Eckhard Scholz wird oft gefragt, wie man solch hervorragende Künstler nach Wesel bekommen konnte. "Es geht nur mit Kooperation", sind sich alle Beteiligten einig. Peter Grote, der die Künstler empfiehlt, genießt da einen hohen Vertrauensvorschub. "Wir sind ja keine Konzertagentur und könnten niemals weltweit eine solche Auswahl treffen", meint auch Beinke-Bornemann. Und Dirk Haarmann, als erster Beigeordneter quasi geborener Kulturdezernent, hat sich diesmal fest vorgenommen, die Konzerte zu besuchen: "Sie sind mittlerweile ein Gütesiegel im Kulturleben der Stadt und gehören zu den Schätzen, die wir hier halten wollen zugunsten von Lebensqualität."

Kritiken zum 12. und 13. Klaviersommer und zu den Konzerten der jetzigen (2011-12) und letzten Saison im Bühnenhaus aus Neue Rhein-Zeitung und Rheinische Post

Große Künstler, grandioses Konzert

24.4.2012 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Das siebte Abokonzert des Städtischen Musikvereins und der Stadt Wesel stand im Zeichen zweier großer Künstler: Sergej Dogadin und Ken-David Masur. 24 Jahre jung ist der Geiger Sergej Dogadin, aber er hat schon nahezu alles gewonnen, was es musikalisch an Auszeichnungen und Preisen zu gewinnen gibt. Er überzeugte gleich mit dem ersten dunklen und doch strahlenden Ton seiner über 250 Jahre alten Guadagnini.

Danach war es kirchenstill im Bühnenhaus. Im dritten Konzert für Violine und Orchester von Camille Saint-Saens stimmte alles: technische Brillanz in den schwierigsten Lagen, Läufen und Doppelgriffen. Mit einfühlsamem Ton interpretierte Dogadin den zweiten Satz zart und weich wie ein Wiegenlied, um dann im dritten effektvoll, fast opernhaft schwelgerisch und temperamentvoll zu glänzen. Ein feiner Kontrast dazu war der getragene, sinnliche Klang der populären Meditation für Violine und Orchester "Thais" von Jules Massenet. Ein Bravourstück für den Solisten und auch für das Orchester der Neuen Philharmonie.

Die solistische Virtuosität übertrug sich. Die hohe Spielkultur der Streicher im Klangkörper der Neuen Philharmonie steht ohnehin außer Frage. Doch an diesem Abend waren alle Musiker noch konzentrierter, noch dynamischer. Unter dem Dirigenten Ken-David Masur zelebrierte das Orchester das Werk förmlich, mit einem üppigen Klang.

César Francks einzige, dreisätzige, aber strömende Sinfonie in d-Moll fasziniert durch überreiche Harmonik, eingängige Motive und "farbenprächtige" Instrumentation. Unter Masurs zupackendem Dirigat - er dirigierte auswendig und ohne Taktstock - formte die Neue Philharmonie eine geschlossene tönende Welt, die faszinierte. Nicht zuletzt war der rundum gelungene Konzertabend dem Mann am Pult zu verdanken. Das Publikum dankte ihm und allen Beteiligten mit lang anhaltendem und herzlichem Beifall.




Philharmonie bestens aufgelegt

24.4.2012 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

In grossartiger Verfassung präsentierte sich Freitagabend im Bühnenhaus die Neue Philharmonie Westfalen. Unter dem Dirigenten Ken-David Masur, Sohn des berühmten Kurt Masur, bot das mit 60 Musikern besetzte Orchester eine Glanzleistung. Ebenso wie sein auch mit 85 Jahren noch aktiver Vater leitete der 35-Jährige ohne Taktstock und weitgehend auswendig das fast zweistündige Programm.

Verblüffende "Grals-Musik"

Wenn man den Namen Camille Saint-Saens hört, denkt man unweigerlich an den "Karneval der Tiere", dabei hat der vor 90 Jahren in Paris verstorbene französische Komponist mehr Bleibendes geleistet: Zahlreiche virtuose Instrumental-Konzerte neben der Oper "Samson und Dalila", in denen elegante Linien, harmonische Farben und schöne Harmonien herrschen. Allerdings müssen sie auf elektrisierende Art gespielt werden, und das erlebten die Zuhörer im nur halb gefüllten Bühnenhaus in höchster Vollendung. Mit dem 24-jährigen "Wunderknaben" Sergej Dogadin, der auf einer kostbaren Geige von Guadagnini spielte, wurde die Aufführung des Konzertes für Violine und Orchester h-Moll von Saent-Saens zum faszinierenden Erlebnis. Natürlich war "der Schwan" aus dem "Karneval" zu erahnen, aber auch die Verehrung des Meisters für Wagner zu spüren. Verblüffend die "Grals-Musik" im zweiten Satz.

Nach diesem gelungenen Konzertauftakt wurden die Zuhörer vom Zwischenspiel aus der Oper "Thais" von Jules Massenet verzaubert. Die Mitsumm-Melodie ist wohl jedem Musikfreund geläufig, doch wann kann man sie schon in einer solch vollendeten Form hören wie an diesem Abend? Im Jahre 1889, kurz vor seinem Tod, schrieb Cäsar Franck mit der d-Moll Sinfonie sein sinfonisches Hauptwerk. Dabei gelang ihm eine Mischung von französischen und deutschen Elementen, wobei der Einfluss Wagners unverkennbar ist. Den ersten, breit angelegten Satz, spielte die Neue Philharmonie Westfalen ernst und gehalten. Masur unterstrich so die schicksalhaften Fragen, die den Komponisten bewegten, zeigte aber auch Temperament in wild bewegten Themen. Im zweiten Satz erklang im Englischhorn zu Pizzicato-Akkorden Schwermut. Der letzte Satz war geprägt von Lebensfreude in triumphaler Steigerung. Nach schmetterndem Abschluss fand der Beifall kein Ende.
WOLFGANG HOPPE





Charmantes Klavierduo beeindruckt Publikum

23.3.2012 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Im Rahmen der Abonnementkonzerte des Städtischen Musikvereins gastierte das preisgekrönte und charmante Klavierduo Anna und Ines Walachowski im Bühnenhaus. Sie stammen aus Polen, leben seit 1983 in Deutschland und werden seit 1996 als eines der führenden Duos Europas auf nationalen und internationalen Bühnen gefeiert. Vierhändig waren sie am brillanten Steinway-Flügel zu erleben. Rein äußerlich schienen Kontraste vorprogrammiert.

Die blonde Ines im orangeroten Abendkleid sorgte für die hohen Töne und die dunkelhaarige Anna im schlichten kleinen Schwarzen beherrschte die Begleitung und die Bäße. Doch bei den ersten Tönen des "Sommernachtstraums" in der Bearbeitung Felix Mendelßohn-Bartholdys für Klavier zu vier Händen beeindruckten die beiden Schwestern durch eine harmonische Einheitlichkeit. Während im ersten Satz ein ausladendes, jugendlich drängendes Thema dominierte, das mit ruhigen und innigen Abschnitten abwechselte, folgten im temperamentvoll sprühenden Scherzo imaginäre Bilder aus Goethes Walpurgisnacht.

Das Publikum erlebte eine Art Geisterwelt in Anlehnung an den thematisch verwandten Sommernachtstraum von Shakespeare. Die Walachowskis gestalteten die Stücke mit energiegeladener Spielfreude und agierten mit großem Farbreichtum, leidenschaftlich und schwelgend. Lyrisch zart erklang der "Elfenmarsch", in dem sie die Feenwelt mit effektreichem Spiel beschwörten. Weite Spannungsbögen und intereßante dynamische Schattierungen waren bei der "Notturno" zu hören. Auch der bekannte "Hochzeitsmarsch" gelang ihnen überzeugend gesanglich und mit rundem Anschlag. Im Finale platzierten sie abwechslungsreich und fantasievoll die Variationen.

Ihr Zusammenspiel war fantastisch aufeinander eingestellt und ließ beiden Raum für eigene Interpretationen. Bei der verspielten "Dolly-Suite" von Gabriel Faure handelte es sich um eine Originalkomposition für Klavier zu vier Händen. Für die Tochter einer Bekannten komponierte Gabriel Faure zwischen 1893 und 1896 diese sechs Charakterstücke, die erst später zur Suite zusammengefaßt wurden. Das Klavierduo begeisterte durch abwechslungsreiche Stimmungen, in dem die orchestralen Strukturen mit wunderschönen Melodien verbunden mit dem "Le Pas Espagnole" zu einem virtuosen Finale fanden. Ebenso überzeugten Chopins "Grande Valse brillante" und eine Auswahl "Ungarischer Tänze" von Johannes Brahms durch einen treffenden, dem differierenden Charakter der Stücke gerecht werdenden Vortrag.
UDO SPELLEKEN




Zwei Schwestern im Gleichklang

23.3.2012 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Harmonie am Klavier: Die Pianistinnen Anna und Ines Walachowski brillierten beim Konzert im Bühnenhaus Auf den ersten Blick wirkten die zwei Walachowski-Geschwister Anna und Ines vollkommen verschieden. Die eine in einem schwarzen bodenlangen Abendkleid, die andere in einem roten glänzenden. Die eine dunkelhaarig, die andere blond. Doch als die zwei Pianistinnen am Frei-tagabend im Bühnenhaus anfingen zu spielen, merkte man, daß eine solche Harmonie im Spiel kein Zufall sein kann. Die Schwestern brillierten durch vollkommene übereinstimmung. Ursprünglich stammen Anna und Ines Walachowski aus Polen. 1983 siedelten sie nach Deutschland um. Nach dem Abitur wurde ihr musikalisches Talent gefördert. Egal, ob Faure, Chopin oder Brahms - die außerordentlich schnellen Wechsel der Tempi sowie eine sehr hohe Schlagzahl machten ihr Spiel dynamisch, gar mitreißend. Im einen Moment wirkten die "Ungarischen Tänze" von Brahms noch tragend und me-lancholisch, da wechselten die Walachowski-Schwestern blitzschnell zu einer punktierten, munteren Paßage. Anstatt folkloristisch zu klingen, schwebte ein Hauch von Lebendigkeit in ihrem Spiel mit.

Träumerische Stimmung

Der Sommernachtstraum von Felix Mendelßohn-Bartholdy bewies besonders das Wechselspiel und den Facettenreichtum der Schwestern. Zunächst wurde eine träumerische Stimmung erzeugt, der Zauber der Liebe lag in den Händen der Pianistinnen. Charmant, verspielt erzählten sie das Original von Shakespeare in seinen musikalischen Facetten nach. Zwischen jeglichen Turbulenzen der Liebe kam immer wieder der Elf Puck zum Vorschein und mischte das Spiel auf. Elfen tanzten gleichsam über die Klaviertastatur und verzauberten die Zuhörer. Beim Hochzeitsmarsch des Sommernachtstraums bewiesen die Schwestern, daß sie auch imposant und prunkvoll spielen können. Sie kreierten im Kopf der Zuhörer das Bild von einem zum Altar schreitenden glücklichen Paar.

Dieses so harmonische und aufeinander abgestimmte Spiel sorgte dafür, daß wenn man die Augen schloß, nicht mehr merkte, daß zwei Pianistinnen am Werk waren. Ihre Hände flogen über und untereinander, mühelos und voller Leichtigkeit. Ein kurzes Nicken und ein kleines Lächeln zur Schwester - und die Verständigung klappte mühelos.
ANN-KATHRIN TERFURTH





Weimarer Bläserquintett gibt Konzert mit Kick

29.2.2012 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Die Liste berühmter Künstler, die mit Weimar verbunden sind, beeindruckt: Bach, Liszt, Wagner, Goethe, Schiller — die Bezeichnung "Weimarer Bläserquintett" bedeutet Verpflichtung. Tomo Jäckle (Flöte), Frederike Timmermann (Oboe), Sebastian Lambertz (Klarinette), Stefan Schottstädt (Horn) und — kurzfristig eingesprungen — Philipp Möhler (Fagott) machten ihrem Namen alle Ehre. In der laufenden Saison hat sich die Konzertreihe des Musikvereins zurückverwandelt. Konservativ und beseelt mit dem Geist der Musik wurde im Bühnenhaus ein edles, klaßisch geprägtes Konzert geboten. Wer daraus schließt, es sei auf eingetretenen Pfaden daher ge-wandelt, irrt: Die Musiker überraschten durch Spielfreude, Esprit, eine fröhliche Note. Kurz: ein klassisches Programm aus Originalbearbeitungen und Adaptionen und besonderem Kick. Wo sich sonst ein großes Orchester auf den Weg macht, spielten die Fünf die Ouvertüre zu "Der Barbier von Sevilla" (Rossini/Linckelmann) so sprudelnd vor Energie und doch fein ziseliert, dass die derart belebte Fantasie sich mitten in der fröhlichen Szenerie rund um Graf Almaviva, das Mädchen Rosina und den Barbier Figaro wiederfand. Großartig gelang die besondere Transparenz, die mit dem Konzertieren im Mini-Ensemble einhergeht und so wohl solistische Phrasierung wie exakte Homogenität erfordert. Die "Petite Suite" von Debussy/Davies schien wie für Holzbläser gemacht.

Kein Klavier hätte die schimmernden Wellen des "Bateau" besser als die leise gluckernde Klarinette beschreiben können. Auch der Wettstreit von keckem 2/4- und lieblichem 3/4tel-Takt im "Ballett" gelang bestens. Spannungsreich war das C-Dur-Quintett von August Klughardt angelegt. Ein Komponist zum Kennenlernen: Sogar das Fagott durfte kunstvoll in Erscheinung treten, Flöte und Klarinette schöpften aus der Tiefe, um weiträumige leuchtende Melodiebögen zu zelebrieren. Im Grazioso schwebte die Klarinette traumhaft auf süßen Schwingen romantischer Gefühle — das hübscheste Stück des Abends. Mit Volldampf rauschte es in den Schluss. Danzis Quintett B-Dur dagegen hatte zuvor den Glanz der Mannheimer Schule zwischen Barock und Klassik unter Kurfürst Carl Theodor beschrieben. Begeisternd, wie dynamisch das Ensemble das Stück auffächerte, locker und flockig wie sein Vorbild Mozart blieb: Musik aus funkelnden Kristallen.
MARTHA AGETHEN





Musikalisch fesselnder Abend im Bühnenhaus

23.1.2012 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Johannes Brahms soll angeblich einmal gesagt haben: "Machen Sie es wie Sie wollen, machen Sie es nur schön." Gerichtet waren diese Worte an die Interpreten seines 2. Klavierkonzertes in B-Dur. Im Bühnenhaus nahm sich der chilenische Pianist Alfredo Perl der Worte an. "Und seien Sie sicher, er macht es", versprach der Städtische Musikverein. Dem muß eigentlich nichts weiter hinzugefügt werden.

Außer vielleicht, dass die "Neue Philharmonie Westfalen" es ebenso "schön machte".Die erste Veranstaltungshälfte war daher das gemeinsame Konzert der in Wesel bereits bekannten Philharmonie unter der Leitung von Heiko Förster und dem international umjubelten Solisten Perl. Hingebungsvoll, der Pianist mit geschlossenen Augen, spielten sie den ersten Satz "Allegro non troppo", das Publikum schien bereits nach wenigen Sekunden überzeugt. Der zweite Satz "Allegro appassionata" war dann doch ein wenig hartnäckiger und teilweise noch stürmischer als schon der vorherige.

Bevor der dritte Satz begonnen wurde, richtete Perl seinen Blick kurz ins begeisterte Publikum und ein sekundenschnelles Lächeln huschte über sein Gesicht. Vielleicht war das der endgültige Beweis dafür, dass dieser Abend nur noch gut werden konnte.

Virtuose Heiterkeit

Das "Andante" zeichnete sich zur Abwechslung vor allem durch Soli des Cellisten aus, der vierte Satz "Allegretto grazioso" dagegen war geprägt von virtuoser Heiterkeit. Wieder einmal passte die Abstimmung zwischen Förster, Orchester und Solisten Perl perfekt. Schon zur Pause bedankte sich das Weseler Publikum dafür mit lang anhaltendem Applaus. Die zweite Konzerthälfte gestaltete die Philharmonie - wie immer - ohne Solisten. Diesmal beeindruckte sie das Publikum mit Beethovens 3. Sinfonie in Es-Dur "Eroica". Aus dem Programmheft konnte man entnehmen, dass diese damals "als Werk unmöglich" gefunden worden sei, heutzutage dagegen aber als "eines der folgenreichsten Schlüsselwerke der Musikgeschichte" gelte. Beethoven schrieb dieses Stück zu Beginn seiner existenziellen Krise. Neben seiner Taubheit beeinflusste die Enttäuschung über Napoleon Bonaparte - der sich 1804 selbst zum Kaiser krönte und nicht weiter die Ideale der Französischen Revolution verfolgte -seine Komposition.
Die Bewegungen dieser Zeit, gemischt mit seinen eigenen Gefühlen, finden sich in der "Eroica" wieder. Den erste Satz war voller Unruhe und geprägt von impulsiven dynamischen Wechseln, die Musiker ließen keinen Zweifel an ihrem herausragenden Können. Der zweite Satz "Marcia funebre" drückte dann sehr große Trauer aus. Der dritte Satz ("Scherzo") dagegen wirkte dann wieder hoffnungsvoller. Im vierten Satz schließlich wurde die Wut vollends zerstört - Heiterkeit machte sich breit - nicht nur in der Partitur sondern auch bei den Musikern. Das war ein fesselnder Konzertabend im Bühnenhaus.
Anna-Lena Kortenbusch




Philharmonie Westfalen und Pianist Perl bejubelt

23.1.2012 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Die Auftritte der Neuen Philharmonie Westfalen im Rahmen der Abo-Konzerte des Städtischen Musikvereins stehen für musikalischen Genuss auf höchstem Niveau. Das war auch beim jüngsten Gastspiel der Musikerinnen und Musiker unter der Leitung von Heiko Mathias Förster nicht anders. Als Solist wurde diesmal der chilenische Pianist Alfredo Perl erwartet, der das Weseler Publikum schon in der Saison 2009/10 begeisterte.

Temperamentsausbrüche

Unterstützt vom Orchester bestritt Perl die erste Konzerthälfte mit einem Werk von Johannes Brahms. "Ich habe ein ganz kleines Klavierkonzert mit einem ganz kleinen, zarten Scherzo geschrieben", soll der Komponist sein B-Dur-Konzert bescheiden beschrieben haben. Eine mächtige Untertreibung für die kraftvolle und leidenschaftliche Musik, die der Solist aus dem Flügel zauberte. Perls Spiel erreichte zuweilen eine rasante Intensität, die die Zuhörer in einem Gefühlsstrom mitriss. Auf solche Temperamentsausbrüche folgten immer wieder Ruhepunkte, an denen der Pianist verweilte, wie um Kraft zu schöpfen für den nächsten energiegeladenen Höhepunkt.Vier Sätze lang fesselten Perl und die Philharmoniker das Publikum. Der Solist ging selbst ganz im Klang auf und gab sich ihr lächelnd und mit geschlossenen Augen hin. Diese Spielfreude spürten auch die Zuhörer. Minutenlang hielt der Applaus zur Pause an, der für den Pianisten zugleich Abschiedsapplaus war.

Leckerbissen: Beethovens "Eroica"

Ein weiterer Leckerbissen für Klassikfreunde stand im zweiten Teil auf dem Programm Beethoven komponierte seine "Eroica" als wütende Reaktion auf die Selbstkrönung Napoleon Bonapartes zum Kaiser der Franzosen. Musikwissenschaftler sehen in dieser Sinfonie Beethovens unbeirrbare Hoffnung auf eine Zukunft ausgedrückt, in der die Ideale der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - verwirklicht werden. Aufklärerische und humane Ideale in Töne umzusetzen, war Beethovens Ziel.
Mit der "Eroica" schuf er ein Schlüsselwerk der Musikgeschichte. Auf einen leidenschaftlichen ersten und einen von Traurigkeit getragenen zweiten Satz folgten ein dritter und vierter Satz, in denen Heiterkeit und Lebensfreude überwogen und alle Schwermut schwinden ließen. Nach dem glänzenden Finale toste der Applaus durch den Saal.
VON CORNELIA KRSAK





Leibniz-Trio: Weseler feierten "ihre" Lena

22.11.2011 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Die Weseler Musikfreunde feierten "ihre" Lena nach einem energiegeladenen Konzert im Bühnenhaus. Mit dem Leibniz-Trio begeisterte die Cellistin Lena Wignjosaputro das Publikum beim 3. Abo-Konzert des Städtischen Musikvereins. Die 28-Jährige gebürtige Essenerin ist in Wesel aufgewachsen und am Konrad-Duden-Gymnasium zur Schule gegangen. Bei Christoph Oehmen erhielt sie ihren ersten Cello-Unterricht. Im Konzertpublikum saßen diesmal auffallend viele Schüler und Lehrer der Musik-und Kunstschule, die es sich nicht nehmen lassen wollten, die "Heimkehrerin" auf der großen Bühne zu erleben.

Einladung in die Heimatstadt

Auch für die junge Musikerin war der Auftritt in Wesel nicht alltäglich. "Die Einladung aus meiner Heimatstadt hat uns natürlich besonders gefreut", so die Cellistin. Mit der persönlichen Begrüßung des Publikums sammelte sie Sympathiepunkte. Noch mehr aber beeindruckte das Spiel der jungen Musiker, die derzeit quer durch Deutschland touren. Das Leibniz-Trio wird vervollständigt von HwaWon Pyun an der Violine und Nicholas Rimmer am Flügel. Die drei hochtalentierten jungen Leute boten ein fast zweistündiges Programm und spannten dabei einen Bogen von Mozart bis Debussy und von Schostakowitsch über Schubert bis zu Frank Martin. Den Anfang bildete ein Divertimento in B-Dur von Mozart. Der italienische Begriff "Divertimento" bedeutet soviel wie "Vergnügen". Ein solches bereiteten die Musiker den Zuhörern. Das Werk wurde ursprünglich für zwei komponiert, die Cello-Stimme später hinzugefügt, wie Wignjosaputro erklärte.

Mit Italien ging es weiter, denn dort komponierte Claude Debussy 1880, im Alter von 18 Jahren, während seines Sommerurlaubs sein Klaviertrio in G-Dur. Nach einem leidenschaftlich Finale entließ das Leibniz-Trio sein Publikum in eine kurze Pause. Mit neuen Kräften ging es in die zweite Hälfte. Beinahe explosiv war die Stimmung bei Schostakowitschs Klaviertrio No. 1 c-Moll zu nennen. Schnelle Tempowechsel und Brüche verlangten den Musikern einiges ab. Geradezu melodisch-verträumt wirkte dagegen der Auftakt zum Adagio Es-Dur (Notturno) von Franz Schubert.

Folkloristische Klänge von teilweise rasanter Intensität und spritzigen Temperaments bestimmten Frank Martins Trio über irische Volksweisen. Minutenlang applaudierend forderte das Publikum Zugaben. Am Sonntag, 4. Dezember, um 18 Uhr lädt der Städtische Musikverein Wesel zum großen Chor- und Orchesterkonzert im WillibrordiDom ein. Der Chor des Städt. Musikvereins präsentiert das "Weihnachtsoratorium" von Johann Sebastian Bach (Teil I-III).
CORNELIA KRSAK




Drei Musiker in perfekter Harmonie

22.11.2011 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

"Das war schön", raunte es durchs Bühnenhaus, als die letzten Noten des Andantino con moto allegro aus Claude Debussys "Klaviertrio G-Dur" verklungen waren -einem melodramatisch und schwerblütigen Stück, das überdeutlich an schwüle Sommerhitze erinnerte. Das Leibniz Trio, bestehend aus HwaWon Pyun (Violine), Lena Wignjosaputro (Violoncello) aus Wesel und Nicholas Rimmer (Piano), interpretierte am Sonntag nicht nur Debussys Klaviertrio auf den Punkt und mit einer erstaunlich starken Klangvielfalt, sondern auch vier weitere Trios. "Es sind alles kleine, sehr interessante, aber selten aufgeführte Stücke", erklärte Cellistin Lena Wignjosaputro ihrem Publikum. Es erschloss sich nicht, warum gerade diese vom jungen Ensemble ausgewählten Stücke selten zur Aufführung gebracht werden - sie waren allesamt einnehmende, ausgefallene, vor Lebensbejahung strotzende Kompositionen. Wolfgang Amadeus Mozarts "Divertimento B-Dur", das den musikalischen Auftakt des Abends bildete, bestach durch Mozart-typische Leichtigkeit und ein durch die Musiker schön aufgefangenes Thema. Das 2005 gegründete Leibniz Trio harmonierte perfekt, stellte sich aufeinander ein; fast schien es so, als gerieten die Instrumente in einen Dialog miteinander.

Auf Mozart folgte weniger spielerisch, aber umso eindringlicher Debussys "Klaviertrio G-Dur", das durch ein herrlich schwermütig-getragenes Andante und ein expressives Finale als krönenden Abschluss eines erstaunlichen Stückes beeindruckte. Das "Klaviertrio No. 1 c-moll op. 8" von Dmitri Schostakowitsch, das Debussy folgte, bildete einen starken Gegensatz zum Vorhergegangenen: modern und expressionistisch, rasant und kontrastreich befremdete es erst, um dann die Erwartungshaltung zu brechen und mit sattem Klang zu überzeugen. Franz Schuberts "Adagio Es-Dur (Notturno)" rührte mit schön variiertem Thema an, während Frank Martins "Trio über irische Volksweisen" musikalisch direkt in irische Pubs entführte. Das Ensemble brachte alle Stücke perfekt auf den Punkt. Pyun, Wignjosaputro und Rimmer agierten und interagierten empathisch und mit großer Leidenschaft, so dass die Intention jeder Komposition offenbar wurde. Die Musiker wurden erst nach einer ausgiebigen Zugabe "entlassen", die in einem Klaviertrio von Felix Mendelssohn-Bartholdy bestand. sh





Philharmonie verzaubert mit lyrisch poetischer Stimmung

23.10.2011 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Die Neue Philharmonie Westfalen war schon häufiger im Weseler Bühnenhaus zu Gast. Diesmal überraschten die Musiker unter anderem mit einem Horn-Solokonzert der besonderen Art.

Das große Ensemble gehört zum abwechslungsreichen Konzertprogramm des Städtischen Musikvereins dazu, ebenso wie die kleinen Besetzungen. Die Neue Philharmonie Westfalen war schon häufiger im Weseler Bühnenhaus zu Gast. Bei ihrem jüngsten Besuch in der Hansestadt überraschten die Musikerinnen und Musiker unter anderem mit einem Solokonzert der besonderen Art: Der Hornist Premysl Vojta spielte das Hornkonzert B-Dur von Reinhold Gličre, mit dem er 2010 den ARD-Wettbewerb in München gewann.

Das Horn ist als Soloinstrument ist selten zu hören. Zu Unrecht, möchte man nach Vojtas Auftritt meinen. Ob im Dialog mit dem Orchester oder ganz vertieft im innigen Zwiegespräch mit seinem Instrument —der Solist bewies, wie viel Ausdruck und Gefühl im Horn steckt, wenn man ihm Gelegenheit lässt, seine ganze Strahlkraft zu entfalten. Von kraftvoll und beschwingt bis feierlich-ernst oder melancholisch reichte die Bandbreite der Emotionen. Zuvor präsentierte die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von GMD Heiko Mathias Förster ein Musikstück der leichten und verträumten Klänge: Claude Debussys "Prélude á l'aprčs-midi d'un faune" wurde 1894 bei der Société Nationale uraufgeführt und gilt als einer der großen Wendepunkte der Musikgeschichte. Der Komponist wehrte sich gegen jede Etikettierung seiner Musik als impressionistisch oder romantisch. Doch seine Komposition wirkt auch ohne eindeutige Klassifizierung.

Publikum blieb gebannt sitzen

Eine lyrisch-poetische Stimmung wehte durch den Konzertsaal, in dem jeder seinen eigenen Gedanken und Empfindungen nachging, die von den träumerischen Melodien ausgelöst wurden. Das Werk wirkte wie ein leichter Aperitif, der Appetit auf die folgenden Hauptgänge machte. Nach dem Hornkonzert, das mit viel Beifall bedacht wurde, verabschiedeten sich die Musiker in eine kurze Pause. Mit Anton Bruckners 3. Sinfonie meldete sich die Philharmonie eindrucksvoll zurück. Die Wagner-Verehrung Bruckners war dem Werk anzumerken, das wie ein gewaltiges Drama aus Klang und Emotionen über die Zuhörer hereinbrach. Anders als bei der Uraufführung, die Bruckner selbst mehr schlecht als recht dirigiert haben soll, verließ niemand vorzeitig den Saal. Das Publikum blieb wie gebannt sitzen. Anspannung und Faszination lösten sich erst im starken Schlussapplaus.

Am Sonntag, 20. November, um 20 Uhr lädt der Städtische Musikverein Wesel zum 3. Abonnement-Konzert im Bühnenhaus ein. Zu Gast ist das Leibniz Trio. Es konzertieren Hwa-Won Pyun (Violine), Lena Wignjosaputro (Cello) und Nicholas Rimmer (Klavier). Auf dem Programm stehen unter anderem Beethovens "Geistertrio" und das "Trio sur des mélodies populaires irlandaises" von Frank Martin. (krsa)




Gefühlvolle Klänge von Orchester und Solist

23.10.2011 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Konzert im Bühnenhaus: Neue Philharmonie Westfalen und Premysl Vojta verleiteten das Publikum zu Bravo-Rufen.

Dieses Mal begannen sie mit leisen, sanften Tönen, das Weseler Bühnenhaus und sein Publikum zu erobern. Wäre es nicht so gekonnt gewesen, hätte man behaupten können, es war ein vorsichtiger Einstieg. Die "Prélude ŕ l´aprčs-midi d'un faune" (Vorspiel zum Nachmittag eines Faun von Claude Debussy war geprägt von erklingenden und verklingenden Tönen, von immer wieder neuen Klängen, die gefühlvoll zum Leuchten gebracht wurden und ebenso bis zur vollkommenen Stille geleitet wurden. Die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Dirigent Heiko Matthias Förster schaffte es, den Zuhörern etwas Neues zu präsentieren.

Außergewöhnliches Solo

Außergewöhnlich auch das Solo-Instrument an diesem Abend: das Horn des Tschechen Premysl Vojta. Der junge Musiker machte beim renommierten "ARD-Wettbewerb 2010" mit einem Stück von Reinhold Gare auf sich aufmerksam. Dieses Konzert in B-Dur, das 1951 in Leningrad uraufgeführt wurde, und knapp 60 Jahre später Vojta einen Preissegen im deutschen Fernsehen bescherte, passte musikalisch wunderbar ins Programm der Philharmoniker. Nach zwei Sätzen der Annäherung von Orchester und Solist, hatte es der dritte Satz in sich. Ein belebtes Frage- und Antwort-Spiel, was durch ein gemeinsames Ende abgerundet wurde, brachte dem Solisten "Bravo"-Rufe aus dem Publikum ein. Doch dann war Vojta auch schnell verschwunden und überließ die Bühne wieder der Neuen Philharmonie.

Der zweite Teil ihres Konzertes war der 3. Sinfonie von Anton Bruckner gewidmet. Erst mysteriös, dann feierlich und vor dem finalen Allegro schnelle virtuose Bögen und mit voller Hingabe, so wurde die "Dritte" in d-Moll von Förster dirigiert. Ganz im Gegenteil zu Bruckners Uraufführung, die damals einer musikalischen Katastrophe geglichen haben soll, war diese Darbietung ein voller Erfolg, den das Publikum mit minutenlangem Applaus belohnte. Die Gäste verließen den Saal erst dann, als die Musiker selbst den Weg zum Ausgang aufsuchten. ak





Am Rande der Perfektion

24.09.2011 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Das Signum-Quartett eröffnete die Konzertsaison des Städtischen Musikvereins mit einem beeindruckenden Programm.

Und plötzlich klingt es auf der Bühne wie ein heftiger Streit. Dabei hatte Xanti van Dijk gerade noch mit den behutsamen und beruhigenden Klängen seiner Viola die Meditation über das alte tschechische Chorallied "St. Wenceslaus" aus dem Heimatland des Komponisten Josef Suk eingeleitet. Und nacheinander stiegen Cellist Thomas Schmitz und die beiden Violinistinnen Kerstin Dill und Annette Walther ein - bis das Signum Quartett, das am Wochenende die Konzertsaison des Städtischen Musikvereins im Bühnenhaus an der Ritterstraße eröffnete, in seiner vollen Strahlkraft wirkte.

Doch nun, innerhalb weniger Takte, ist aus den meditativen Klängen ein gewaltiges Gegeneinander geworden: Links die beiden hysterischen und zeternden Damen, rechts die mächtig polternden Herren. Es ist Xanti van Dijk mit seiner Viola, der das versöhnliche Wort findet und das am lande sitzende, cholerische Cello und die zickigen Violinen wieder zusammenbringt. Zwar hat der aus Kapstadt stammende van Dijk in diesem Moment die führende Rolle eingenommen, doch es ziemt sich nicht, aus diesem wundervollen, jungen Streichquartett einzelne herauszugreifen. Ob Kerstin Dill, die flink und irgendwie selbstverständlich spielt, oder Annette Walther, mit dem angestrengten Blick und dem streng zusammengebundenen Haar; ob Cellist Thomas Schmitz mit dem adretten Seitenscheitel, dessen Mundwinkel bei aller Konzentration stets ein leichtes Lächeln umspielt, oder eben der smarte Lockenkopf van Dijk, der etwas Filouhaftes mit sich trägt.

Zahlreiche Preise

Jeder einzelne des Signum-Quartetts bewegt sich mit seiner Musik am Rande der Perfektion. Alle vier sind von namhaften Lehrmeistern ausgebildet. Gemeinsam haben sie in ihrer Laufbahn schon zahlreiche Preise gewonnen, den Deutschen Musikwettbewerb, den Premio Paolo Borciani, den ICMC Hamburg oder die London International String Quartet Competition. Bei all ihrer individuellen Klasse: Ihre Besonderheit entwickeln die vier erst aus dem gemeinsamen Spiel. Dann wirken die vier Musiker wie eine ungemein geschlossene Einheit - und können wohl nur deswegen so eindrucksvoll gegeneinander spielen wie eingangs in der Meditation über den tschechischen Choral. Jeder der vier weiß - wie in Mozarts "3. Preußischem Quartett" - wann er sich zurücknehmen muss. Jeder der vier ist jederzeit in der Lage, solistische Momente einzuwerfen, die einem den Atem stocken lassen vor Elan und Perfektion. Und kaum haben sich die 300 Zuhörer auf diese kleinen Spitzen eingestellt, überfällt sie das Quartett mit mächtiger Wucht.

Ihre abschließende, fast 45minütige Darbietung von Antonín Dvoräks Streichquartett Nr. 13 in G-Dur erschien wie die logische Synthese des vorher Dargebotenen. Harmonie und Gefühlsausbrüche wechselten sich miteinander ab, sanfte, gestrichene Klänge mit kleinen gezupften Highlights und dem elanvollen Einsatz des gesamten Quartetts, der mit einem atemberaubenden Finale endete. fb




Signum Quartet lotet neue Grenzen aus

24.09.2011 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Das Signum Quartett setzt im Wortsinn "Zeichen" im Bereich der Klassik, indem es weitab von steifer Ehrbarkeit mancher Ensembles neue musikalische Grenzen auslotet - auch mal unter Einsatz des ganzen Körpers. Kerstin Dill (Violine), Annette Walther (Violine), Xandi van Dijk (Viola) und Thomas Schmitz (Violoncello) sind Individualisten und brillante Musiker, die zur Eröffnung der Konzertsaison 2011/12 ein atemloses Publikum mit auf die Reise in eine neue Welt nahmen.

Hier schaute niemand auf die Uhr, zählte niemand die Sätze. Bei einem solch fesselnden Konzert von exquisiter Qualität ist Zeit kein Begriff. So genoss das Publikum nach zuletzt vielen zweifellos interessanten Ausflügen in die Moderne wieder einmal einen echten klassischen Abend, jedoch mit Interpretationen, die ein völlig neues Licht auf die alten Meister warfen.

Enorme Energieschübe

Etwa auf Mozart! Dar lobte auf seinen vielen Reisen 1789 das königlich-preußische Orchester als "beste Versammlung von Virtuosen der ganzen Welt", schlug jedoch das Angebot als Hofkomponist aus. Stattdessen nahm er die Preußischen Quartette für Friedrich Wilhelm II., selbst begeisterter Cellist, in Auftrag. Im Bühnenhaus erklang das 3. Quartett KV 590, das elegant, fliegend leicht, ja skizzenhaft und natürlich nicht preußisch martialisch daherkam. Sangliche Passagen verloren bei aller Weichheit nie an Spannung. Enorme Energieschübe wühlten auf. Das Netz gleichberechtigter Stimmen fügte sich zu selten gehörter, organischer Ganzheit. Der große Klangraum, in dem die Stimmen ineinander wuchsen, grenzte an Magie.

Die Interpretationen gewannen Satz für Satz an Eigenwilligkeit. Das Schmuckstück war das munter wirbelnde, keineswegs würdig schreitende Menuett. Das Allegro wurde zum ekstatischen Rausch. Der Stimmungswechsel vollzog sich bei Josef Suks "Meditation über St. Wenceslaus". In die kathedrale Stimmung vollkommenen Friedens, zum Weinen schön, mischten sich gewaltige Bogenstriche des Cello, dramatisierten bis zum schmerzlichen Märtyrertod, bis die tonnenschwer niedergedrückte Seele erlöst entschweben darf.

Nach der Pause: Dvoraks packendes Streichquartett Nr. 13 von ausufernder Farbenpracht. Musikalische Bilder überstürzten sich und waren fiebrig, nuanciert und virtuos dargeboten. Klänge wuchsen aus dem Nichts; lieblichem Schmachten folgten pathetische Klangballungen, Naturlaute tönten, Sirenen schrillten, wilde Zigeunerrhythmen loderten. Im Finale stachen die Musiker locker ein sinfonisches Orchester aus. Der Beifall wollte kein Ende nehmen.
MARTHA AGETHEN





Zum Abschluss schon Vorfreude auf neue Saison

23.8.2011 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Der Blick aufs Programm des Abschlusskonzerts des diesjährigen Klaviersommers verhieß Positives: Werke, die eine wegweisende Rolle in der Klavier-Literatur spielen, demgemäß nicht dem Trend zum einseitigen Ohrenschmeicheln folgen. Die japanische Pianistin Ayano Shimada hatte als Schwerpunkte Bartóks "Suite im Freien" und Schumanns "Symphonische Etüden op.13" gewählt, dazu Beethovens souverän heitere, spielerisch elegante "Sonate Es-Dur op. 31,3" und Debussys "DeuxArabesques".

Diese Auswahl, dargeboten mit der erwartbaren technischen Fingerfertigkeit und der unabdingbaren geistig-mentalen Mitteilungsfähigkeit, gaben dem Konzert den gebührenden Glanz. Beethoven zuerst: frisch zugegriffen, die abrupten Wechsel der Tempi im Scherzo beherzt angegangen, das eher leise Menuetto gelegentlich stark akzentuiert, das prächtige Presto con fuoco voranstürmend inszeniert - dennoch als Ganzes zusammengefasst.

Bartók nahm in seine Suite Geräusche der Außenwelt hinein, nicht als Beschreibung, sondern als normaler Teil des erfahrbaren Alltags. Fast holzschnittartig hieb die Pianistin den Aufzug "Mit Pfeifen und Tambours" in die Tasten und das Rasen der Meute in der "Jagd". In der "Nachtmusik", dem Zentrum des Werks, das von den empfindsameren Tönen der "Barcarole" und der "Musette" vorbereitet wurde, weitete sich die Klangwelt in mehrere, einander überlagernde Dimensionen, aus denen einzelne Nacht-Stimmen herüberflirrten.

Fast so leicht und schwerelos-wie ein Aquarell hingetupft schwebten Debussys feinfarbige "Arabesques" als gewollter Kontrast zu der orchestralen Fülle von Schumanns "Symphonischen Etüden in Form von Variationen". Da gelangen im Rauschen akkordgesättigter Melodien lyrisch feinfühlige Linien. Schnelligkeit und Forte bis Fortissimi regierten längere Strecken. Etwas mehr Differenzierung wäre dabei vielleicht zu wünschen gewesen. Gleichwohl wurde die Pianistin mit ihrer Leistung zu Recht mit anhaltendem Applaus belohnt. Noch ein Schumann als Zugabe - und die Vorfreude auf die neue Saison.
HANNE BUSCHMANN




Wie kleine Kobolde auf den Tasten

23.8.2011 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Mit der Japanerin Ayano Shimada endete der Klaviersommer. Musikerin präsentierte abwechslungsreiches Programm.

Das angekündigte Unwetter tastete sich schon langsam nach Wesel vor und machte die Luft schwül, während im Inneren der Musik- und Kunstschule der 13. Weseler Klaviersommer seinen Abschluss fand. In einem violett-tiefblauen langen Kleid trat die Pianistin Ayano Shimada aus Japan vor das Publikum und erntete bereits mit diesem Auftritt einiges Staunen. Mit Ludwig van Beethovens Sonate Es-Dur op. 31,3 eröffnete Shimada das Konzert. Das Allegro tönte gewaltig durch den Raum. Schnell und fast kindlich klimpernd klang es im Vordergrund, wobei der Hintergrund vielschichtig und kunstvoll blieb.

Eilig wuselnd, wie kleine Kobolde, die mal feste und tölpelhaft, mal ganz leicht und schnell über die Tasten rennen, hinfallen, hüpfen und sich drehen, hörte sich das Scherzo Allegretto vivace an. Im Kontrast dazu wirkten das Menuetto Moderato e grazioso und Presto con fuoco wie der Tanz von zarten Balletttänzerinnen oder Feen.

Grummelnde Musik mit zarten Tönen

Mit ähnlicher Stärke ging es bei Bela Bartóks Suite im Freien weiter. Rabiat und dramatisch stieß die Musik den Zuhörern in die Ohren. Hart und feste knallend umgab sie alle Anwesenden und schien schon ein Gewitter vorwegzunehmen. Durchzogen wurde die grummelnde Musik von zarten Tönen, die aber immer wieder wie von Blitz und Donner eingeschnitten wurden.

Barcarole und Nachtmusik klangen feiner und beinahe nach Ruhe nach dem Sturm. Musette fiel durch scheinbare Misstöne auf. Musik, wie sie zu einem Psychothriller, einem Krimi passt. Klangfolgen voll Flucht, Kampf, die sich am Ende in einem fast vorwitzigen Aufzucken auflöste. Claude Debussys "Deux Arabesques" leiteten dann zum besonders gefühlvollen Konzertteil über. Wie leicht angedeuteter Schmerz, so fragil hörten sich Andantino con moto und das Allegretto scherzando an. Die Symphonischen Etüden op. 13 in Form von Variationen von Robert Schumann schlossen dann sehr lebendig das Konzert ab.
ANNA BLASWICH





Beifall für ein brillantes Klavier-Konzert

19.7.2011 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

In einem expressiven Konzert hat sich der Koreaner Sun Ho Lee (23) im Weseler Klaviersommer auf Einladung des Städtischen Musikvereins in der Aula der Musik- und Kunstschule vorgestellt. Das Programm wurde kurzfristig geändert, so dass rund 80 Zuhörer einen umfassenden Einblick in das Können des jungen Künstlers erhielten, dessen klare Technik und unübertreffliche Ausgewogenheit faszinierten.

Im "Präludium und Fuge f-Moll" von Johann Sebastian Bach aus dem wohltemperierten Klavier (BWV 857) war vollendet, die gelungene Verbindung von kunstvoller Kompositionstechnik und poetischem Gehalt dieses vierstimmigen Opus mit seinen Imitationen und der kontrapunktischen Technik zu hören. Sun Ho Lee trug das Werk mit Geschmack und sensibler Kammermusikerfahrung einfühlsam und temperamentvoll vor. Auf höchstem Niveau

Die "Sonate E-Dur" von Beethoven zählt zu den Stücken, die an den Pianisten höchste Anforderungen nicht nur in technischer Hinsicht stellen, sondern auch musikalisch erst mal bewältigt werden wollen. Beides gelang dem sympathischen Künstler auf höchstem Niveau. Auch der Kawai-Flügel bewies dabei Volumen und eine überraschende Tragfähigkeit des Tons. Sun Ho Lee zeigte virtuose Gestaltungssicherheit und ließ erkennen, wie sich die gegensätzlichen Figuren in einen harmonischen Spannungsbogen integrieren lassen.

Erfahrbare, deutliche Kontrastschärfe hielt die Musik zusammen und zeugte von interpretatorischer Beschlagenheit. Bei der Klavierfantasie "Apres une lecture de Dante" von Liszt beeindruckte Sun Ho Lee vor allem durch einen kräftigen, ausdrucksstarken Ton und durch überraschende dynamische Umschwünge zwischen lyrisch-beschaulichen und stürmisch voran-preschenden Passagen. Selbst in den schnellsten Passagen beweist er eine extrem hohe' Fingerfertigkeit, indem er das Tempo mit spielerischer Leichtigkeit noch leicht erhöhte. Das herausragende Beispiel von Liszts technischer Raffinesse und Klangkultur beschreibt effektvoll den wilden Ritt der Seele zur Hölle, der schließlich mit versöhnlichen Akkorden in einer Art Verklärung endet. Über vier Jahrzehnte beschäftigte sich Sergej Prokofjew mit der Gattung Klaviersonate. Die siebte Sonate genießt unter Pianisten den höchsten Ruf in technischer und inhaltlicher Hinsicht und bildet eine unstete Kriegssituation ab. In unerwarteten Akzenten im Sieben-Achtel-Takt herrschen Repetition und Rhythmik. Sichtlich erschöpft beendete Sun Ho Lee ein brillantes Konzert unter begeistertem Beifall.
UDO SPELLEKEN





Trebeschi - innig verbunden mit dem Flügel

28.6.2011 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Ein feinfühliger Intellektueller bereicherte diesmal die Reihe "Klaviersommer". Alessandro Trebeschi, Jahrgang 1980, scheint mit Gaben im Übermaß ausgestattet zu sein: Er absolvierte ein Wirtschafts- und ein Politikstudium neben seinen musikalischen Studien. Eine mehrjährige Pause in Palästina als Entwicklungshelfer beendete seine junge Karriere nicht. Rund 60 Zuhörer konnten sich beim 50. Klaviersommerabend von seinem makellosen Können überzeugen und genossen den angenehmen, feinsinnigen Stil, mit dem der Italiener das Programm bestritt.

Trebeschi fesselte als Virtuose und verwöhnte sein Publikum mit romantischen und impressionistischen Werken. Federleichte Verzierungen, ein kristallklarer Anschlag und ein träumerischer Beiklang durch die im wahrsten Sinne des Wortes perlende Gestaltung von Läufen, Passagen und Arpeggien begeisterten das Publikum. Trebeschi suchte die innige Verbundenheit mit dem Flügel, dem er sich tief hinabgebeugt näherte. Ravels gemütliches, von Umkehrungen strotzendes Menuett plauderte zu Beginn über die Tonreihe HADDG — in Anlehnung an den Namen "Haydn", mit dem sich eine ganze Reihe von Komponisten an der Schwelle des 20. Jahrhunderts beschäftigt haben.

Ein Traum war die Interpretation der Sonata Nr. 2 in g-Moll, op. 22 von Schumann. Der erste Satz in atemlos rauschhaftem Tempo war mit Bravour gemeistert, die Hände schienen, dicht beisammen, vielfach gekreuzt, ineinander verstrickt zu sein. Dann die wolkenweich gebetteten Stimmungen des Andantino — eine vollendete Romanze, in der jeder einzelne Ton über sensibel variierten Anschlag zum Leben erweckt wurde. Manch angehaltene "Tonspitze" auf den Höhen der Arabesken sorgte für Spannung. Nur im furiosen, Synkopen durchsetzten Scherzo erfolgte das ein und andere Akkordgewitter.

In der zweiten Hälfte dominierte bei Ravel und Debussy eher die (gemäßigte) Kraftentfaltung. Zu diesen poetisch-impressionistischen Bildern gehörte das Capriccio "Alborada del gracioso" ("Miroirs", Ravel): ein wilder, oft unterbrochener, mit vielen Glissandi geschmückter Narrentanz, dann die originale Debussy-Komposition "L'Isle joyeuse", in der sich tausend Stimmen zum bunten Reigen innerhalb eines lebenslustigen Paradieses mischten mittels glitzernder Arabesken aus geschwinden Triolen, lieblicher Kantilenen oder einem phasenweise stürmischen, hämmernden Rhythmus, gefolgt vom fröhlichen Schlusspfiff.
MARTHA AGETHEN




Alessandro Trebeschis Traumreisen

28.6.2011 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Der Künstler mit der Eigenart ließ beim Klaviersommer-Konzert Bilder entstehen, Welche die Zuhörer intensiv beschäftigten.

Zum Konzert der Klaviersommer-Reihe in der Musikschule am Sonntag schien das Wetter dem Titel entsprechen zu wollen: Nach kühlen und regnerischen Tagen schien passenderweise die Sonne. Musikschulleiterin Dagmar Beinke-Bornemann versprach anlässlich des 50. Klavierkonzertes romantisch-expressionistische bunte Klänge mit Alessandro Trebeschi. Und genau das bot der italienische Pianist den Zuhörern. Verspielt eröffnete der Italiener, der irgendwie an einen Rockmusiker erinnerte, den man in einen Anzug gesteckt und dem man die Haare gekämmt und den Zauselbart gestutzt hat, das Konzert mit dem "Menuet sur le Nom d'Haydn" von Maurice Ravel.

Kinder auf grüner Wiese

Claude Debussys "Hommage á Haydn" regte die Gedanken an. Vor dem geistigen Auge erwachten Bilder auf sommerlich grünen Wiesen spielender Kinder. Zugleich schien die Musik die Zeit zu erlangsamen. Im Kontrast dazu stiegen tobert Schumanns Variatio[en über ein Nocturne von :hopin lebendig, wirbelnd [nd sprudelnd ein. Die Finger es Pianisten wirkten wie kleiLe, energisch tanzende Figuen auf den Tasten. Die Töne ntwickelten sich über schwee, gefühlvolle und traurige 'assagen, die an tief gesenkte dicke und hängende Schulmn erinnerten. Das Stück enete mit einer weiteren Ver?andlung - rasch und abrupt om Schmerz ablenkend, fröhlich und hastig. Auch nach der Pause nahm Trebeschi die Zuhörer wieder mit auf eine Traumreise. Ließ man den Blick auf die Wiese vor der Zitadelle schweifen, entdeckte man, ungewohnt, eine Friedlichkeit. LautloS schienen die Autos auf der Straße, die tänzelnde Klaviermusik hüllte einen Schleier um die gewohnte Hektik.

Krähen statt Meisen

Ganz anders wirkte das Bild draußen bei dem leidenschaftlich dramatischen und spannenden Teil des Stückes. Fielen zuvor noch die kleinen Mauersegler und die Meisen in den Blick, so waren es jetzt die schwarzen Krähen. Mit "L'isle joyeuse" beendete Alessandro Trebeschi das reguläre Programm. Er verbreitete ein wohlig gutes Gefühl mit seiner im besten Sinne des Wortes Eigenartigkeit. Erst nach zwei Zugaben wollten sich die Zuhörer von dem Pianisten trennen, der die Fähigkeit hat, verzaubern zu können. A.B.





Auftakt des Klaviersommers verheißungsvoll

31.5.2011 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Ein paar Minuten später als geplant ging der Weseler Klaviersommer am Sonntagvormittag in seine mittlerweile 13. Runde. Ein kleiner Vogel hatte sich in den Saal der städtischen Musikschule verirrt und sorgte so für ein unterhaltsames Vorprogramm. Schnell ebnete man ihm den Weg in die Freiheit, so dass sich Vortragende wie Publikum der Musik widmen konnten.

Den kleinen Flügeln folgte der große, schwarze. An den setzte sich die erst 21-jährige Pianistin Jiayi Sun, nachdem sie mit langsamen Schritten vorsichtig die Bühne betreten und sich kurz verbeugt hatte. Für wenige Sekunden ging sie noch einmal in sich, holte tief Luft. Und dann folgte ein musikalisches Feuerwerk höchster Klasse. Voller Hingabe und Leidenschaft präsentierte die gebürtige Koreanerin äußerst anspruchsvolle Werke von Joseph Haydn, Franz Schubert, Frederic Chopin und Ludwig van Beethoven. Konzentriert und ausdrucksstark wechselte sie zwischen schnellen und dramatischen sowie langsamen, getragenen Passagen, entwickelte eine große Klangfülle und zog das etwa 70 Personen umfassende Publikum sofort in ihren Bann. Immer wieder erntete sie großen Applaus.

Die in New York lebende Studentin Jiayi Sun eröffnete den Klaviersommer verheißungsvoll, indem sie gleich einen hohen Maßstab setzte. Das lässt gespannt sein auf die Fortsetzung der Reihe mit Alessandro Trebeschi aus Italien am 26. Juni. meg




Chinesische Pianistin — ein Talent begeistert

31.5.2011 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Es schien, als wolle sich die chinesische Pianistin Jiayi Sun zur Eröffnung des diesjährigen Klaviersommers in der Aula der Musikschule in Haydns C-Dur Sonate mit ihrem gemäßigten Schwierigkeitsgrad zu Beginn einen Ruhepol verschaffen. Vielleicht war das Stück auch wegen einiger Parallelen zu Beethoven ausgesucht, der später das großartige Finale bilden sollte. Konzentriert und nachsinnend ging die erst 21-jährige Pianistin zu Werke.

Umso genauer konnte das Publikum diesen präzisen Anschlag und wohl durchdachten Phrasierungsaufbau, mehr vernunft- als gefühlsbetont, der zur Grundlage des ganzen Konzerts wurde, beobachten - ein sehr ehrliches Spiel. Doch die Ruhe vor dem Sturm sollte nicht lange währen. Schon in den vier Schubert-Impromptus D 935 war dem Emotionalen weit mehr Raum gegeben. Organische Steigerungen, elegante weiche Handkreuzungen bestachen, die bekannten jähen Schubertschen Stimmungswechsel rissen den Hörer aus jeglicher morgendlichen Lethargie.

Den dunklen Harmonien zu Anfang folgten die zauberhaften Quinten des beliebten As-Dur Impromptus, dem bei aller Romantik doch ein schöner Ernst beigemengt war. Ein Stück, das so mancher der anwesenden Musikliebhaber im Notenschrank haben dürfte. Ein Vielfaches an singender Seele erreichte die Pianistin im sprudelnden Fluss der Rosamunde Variationen B-Dur: Die Läufe entwickelten sich zu fließenden, gleichmäßigen Figurationen.

Ein Bravourstück war der Abschluss im f-Moll-Scherzando, in dem sich ideal Freiheit und lockerer Fluss verbanden, gefolgt vom ekstatischen Schluss. In den aufbäumenden, effektvollen Passagen des Chopin-Nocturne c-Moll näherte sich Jiayi Sun dem technischen Gipfel des Könnens noch deutlicher, doch war das alles nichts gegen das Finale, bei dem die Zuhörer ihr gewissermaßen zu Füßen lagen: "Appassionata", geboren aus Leidenschaft - hier kann ein Pianist zeigen, was er kann. Entsprechend war die Beethoven-Sonate im großen Gestus vorgetragen. Galoppierende Repetitionen legte Jiayi Sun im Handstreich hin, das prägnante, Majestätische Hauptthema modulierte sie brillant, wild rauschten die Arpeggien. Kontraste von düsterem Geistergesang und eruptivem Lebens- und Leidenswillen waren wahrer Sprengstoff fürs Gemüt. Mit der Presto-Coda, oft als Geniestück gepriesen, erweckte sie in einem höllischen Tanz Titanen zum Leben. Mit überschäumender Begeisterung nahm das zahlenmäßig mittelgroße

Publikum den Vortrag entgegen. Für Aufregung vor Konzertbeginn hatte ein kleiner Flötist gesorgt. Die verschreckte Dohle bewirkte eine leichte Verspätung beim Start.
MARTHA AGETHEN





MUSIKVEREIN - Exzellente Klarinettistin im Mittelpunkt

18.4.2011 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Das Konzert für Klarinette und Streichorchester c-Moll op. 31 des Engländers Gerald Finzi (1901 - 1956) von Musikverein und Stadt stand im Zentrum des musikalischen Programms am Freitagabend im Bühnenhaus.

Zu Recht, denn es ermöglichte die anregende Begegnung mit einem fast vergessenen Komponisten, der eigene Gedanken auf sehr interessante Weise in Klänge verwandelt hat. Nahe gebracht haben das die exzellente junge israelische Klarinettistin Shirley Brill und das sehr aufmerksam und einfühlsam spielende Streicherensemble der Neuen Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Rasmus Baumann. Dieser ließ auch der Solistin die nötige Freiheit, persönliche Akzente zu setzen. Nach dem großen Aufbruch des Orchesters in das Allegro zeichneten sich schon bald feine, schwebende Linien der Klarinette ab, die später in eine bildmächtige Kadenz mündeten. Spiralig in atmosphärische Höhen träumte sich das Solo-Instrument im Adagio, wunderbar umworben von den Streichern. Das liedhaft fließende, zuweilen tänzerisch heitere Rondo schloss mit furiosen Takten. Spontan rauschte der Applaus der Hörer - dieses Mal waren es leider weniger als sonst - und hielt lange an.

Dieser letzte Höhepunkt der vergangenen Wintersaison wurde begleitet von zwei Kompositionen Edgar Elgars (1857 - 1934): von der"Cockaigne-Ouvertüre" und den"Enigma-Variationen", op. 36. Weil beide nicht kopflastig sind, wurden sie zum beschwingten Ausklang der Konzertsaison. Mit "Cockaigne" übersetzt Schlaraffenland", huldigte Elgar der Stadt London. Das heißt der glänzenden Metropole der aristokratischen und großbürgerlichen Vergnügungen, der prachtvollen Bauten und großartigen Plätze, der zum Ausruhen einladenden Parks und der allgemeinen Lebensfreude sowieso. All das flammte in farbigen Melodien als Auftakt des Konzertes auf.

Abgeschlossen wurde der Reigen mit dem Rätsel "Enigma". So augenzwinkernd wie es offenbar als kontrastierende Tonsätze - mal als Charakterminiaturen auf bestimmte Personen, mal als längere Klangwege zu künstlerischen Tätigkeiten -komponiert ist, so gelöst sollte der unterschwellige Witz wahrgenommen werden. So leichthin agierte das gesamte Orchester, schöne Oboen- und Flötensoli sowie der wuchtige Abgesang inbegriffen. Heftiger Beifall für Dirigent und Musiker.
HANNE BUSCHMANN




Shirley Brill wie eine strahlende Erscheinung

18.4.2011 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Klarinettistin zog, das Publikum beim "englischen Abend" in ihren Bann.

Ihr langer, silberner Rock schien die Bühne zu erleuchten, als die Solistin Shirley Brill am Freitagabend im Bühnenhaus vor das Orchester der Neuen Philharmonie Westfalen trat. Leicht schüchtern wirkte der Blick der jungen israelischen Klarinettistin, aber dann zog sie ihr Publikum sogleich in ihren Bann. Wie eine" Erscheinung“ wirkte ihr Auftritt im Rahmen der Konzerte des Städtischen Musikvereins.

Shirley Brill überstrahlte das sie begleitende Streich-Orchester, ließ es beinahe in Vergessenheit geraten, um es dann selbst wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Die ausdrucksstarke 26-Jährige spielte das Klarinettenkonzert des englischen Komponisten Gerald Finzi. Wunderbar weich war die Verbindung zwischen den Streichern, geleitet von Rasmus Baumann, und ihren Solo-Einsätzen. In der Sprache ihrer Klarinette führte Brill einen Dialog, mit den Musikern zum einen, mit dem Publikum zum anderen. Gefühlvoll, aus dem ganzen Körper heraus, spielt die junge Klarinettistin ihr Instrument. Mit ausschweifenden, aber weichen Bewegungen ihres Oberkörpers vermittelt sie all die Leidenschaft, die in ihren Soli liegt. Nur manchmal, zu den kraftvollen, virtuosen Einsätzen ihrer Klarinette, sieht man ihr die Körperspannung in ihrer jähen, dann heftigen, ja vehementen Dynamik an. Anmutig bleibt sie stets.

Eingerahmt wurde der famose Auftritt der Klarinettistin von zwei reizvoll bildhaften Darbietungen der Neuen Philharmonie Westfalen in großer Besetzung, also mit Schlagwerk und Bläsern. Beide Werke komponierte der Engländer Edward Elgar. Mit seiner "Cockaigne-Ouvertüre" nimmt der Komponist den Zuhörer geradezu an die Hand und führt ihn durch das London des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Vorbei an der seichten Themse und schweren Steinbauten flaniert man mit Elgar, um im nächsten Moment in den dicht gedrängten Trubel auf den Straßen der englischen Hauptstadt einzutauchen; ausgedrückt durch den energischen Einsatz der Streicher und das aufgeweckte Spiel der Bläser. Mit den "Enigma-Variationen" wurde Elgar international bekannt Aus einer zufällig auf dem Klavier gespielten Melodie entwickelte der Komponist 14 Variationen, die jeweils Menschen aus seinem Umfeld beschreiben. So etwa die von ihm verehrte Dora Penny oder den Organisten Dr. G.R. Sinclair und dessen Bulldogge Dan. Ein zweites Thema des Stückes "ertönt zwar, wird aber nicht gespielt", so Elgar selbst. Das Rätsel darum konnte bis heute nicht gelöst werden. Der ebenfalls dargestellte August Jaeger vermutete gar, Elgar habe mit dieser Ankündigung nur seine helle Freude gehabt, andere zu verwirren.
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Trio Out of Frame: Dynamit im Bühnenhaus

23.3.2011 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Klarinette, Kontrabass und Klavier - eine übliche Kombination im Jazz, außergewöhnlich dagegen in der Klassik. Das Trio "Out of Frame", mit den drei jungen Musikern Wieland Bachmann (Kontrabass), Andreas Hering (Piano) und Dawid Jarzynski (Klarinette) erledigt im Bühnenhaus konventionelle Bedenken im Handstreich. Seiner Musik haftet etwas Experimentelles an, sympathischerweise ohne die Routine jener Kollegen, die lange im Geschäft sind. Im musikalischen "Streifzug" durch das Europa des 20. Jahrhunderts zeugten die behutsamen, geschmeidigen Dialoge vom Streben nach künstlerischer Reife, ohne an Originalität einzubüßen.

Mit dem "Gran Duetto" des Italieners und Kontrabassisten Bottesini startete der Abend. Die Klarinette, die von ihrem Meister zu leisesten Flüstertönen gezähmt wurde, um im nächsten Augenblick die Tonskala mit Bravour hinaufzujagen, brillierte mit feinem Klang souverän in allen drei spezifischen Registern, vor allem in der Brahms-Sonate op. 120 Nr. 2 . Der Pianist hingegen gestaltete Chopins Barcarolle op. 60 als schimmerndes Schmuckstück, schwerelos getragen von fließenden Wellen und zarten Läufen, Ausdruck seiner romantischen Verehrung der Stadt Venedig. Spätestens seit Süskinds "Der Kontrabass" haftet diesem Instrument das Image des Orchesterstiefkinds an. Es könne keinen vollständigen Bändiger desselben geben, soll dagegen Bottesini einmal gesagt haben. Solchen Vorurteilen bot Wieland Bachmann, mit 20 Jahren im Trio der Jüngste im Bunde, die Stirn. Nicht nur, dass er bei allem beherzten Zupacken dem wuchtigen Instrument unglaublich nuancierte, filigrane Töne und sanfte Melodien entlocken konnte, er trieb auch allerlei ausgelassene Kapriolen, ließ den Bogen zittern und knurren und schrammeln. Forsch, glühend und feurig malte er, begleitet vom Klavier, die Farben Spaniens in der viel beklatschten "Suite Andaluza" von Pedro Valls, die in die vibrierenden Tanzrhythmen eines Zapateado mündete.

Das Herzstück der Suite, die für die Karwoche gedachte, traurige Saeta drang durch warmes, inniges Legato ins Herz - alles andere als ein bleicher Totengesang. Ein andermal, im facettenreichen Trio Path6tique des Russen Mikhail Glinka, übernahm der Bass mit frechem Keckem oder tiefem weichem Summen den Part eines Fagotts. Heimliche Favoriten aber waren die Zugaben: Frühling, Sommer, Herbst in Buenos Aires aus Astor Piazzollas "Jahreszeiten" mit dem gewissen pulsierenden Tango-Touch. Damit kam Dynamit ins Programm, es bot sich ungetrübtes Vergnügen im knisternden Spannungsbogen.
Martha Agethen





Kodály-Quartett begeistert im Bühnenhaus

1.3.2011 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Zum Schluss hing der Himmel voller Geigen: das Publikum honorierte die Schubert- und Gershwin-Zugaben des KodályQuartetts im Bühnenhaus begeistert. Jedoch waren die Künstler (Attila Falvay, Erika Tóth (Violine), Janos Fejérvári (Viola), György Éder (Violoncello) als Botschafter Ungarns da. Sie brachten anspruchsvolle Musik der Moderne von Kodály und Bartók, die so gar nichts mit den seidenweichen Seelenfängern ihres Zeitgenossen Gershwin zu tun hat. Ihrem ausgezeichneten Ruf wurden sie voll gerecht.

Die osteuropäischen Rhythmen haben sie im Blut, die Kunst im Kopf; da klingt nichts aufgesetzt oder maniriert. Raffinierte Feinheiten begeistern zuhauf: Wenn die erste Geige (Falvay) beim Kodály-Streichquartett Nr. 2 op. 10 im Flageolett den Ton nicht nur technisch faszinierend, sondern auch mit Gespür für einen edlen, anrührenden Klang zur Blüte treibt, wenn das Cello meisterlich schwingend und feierlich einen wahren Glissandoregen ausgießt oder man sich absolut rhythmisch akkurat gegenseitig munteres Pizzicato zuspielt. Jedoch gehört ein hellwacher Zuhörer dazu. Kodály — und später Bartók — sind nun mal nichts, um sich gemütlich zurückzulehnen. Der Zugang zu den flüchtigen Motiven und einfachen Harmonien von Kodály fällt vergleichsweise leichter; mit forschen Repetitionen macht sich das Quartett später auf den Weg in Bartóks Streichquartett Nr. 5. Für Bartók, 2010/11 oft gehört, braucht es schon mehr Aufgeschlossenheit und ein fleißig arbeitendes Ohr. Färbt auch das Ensemble wunderbare dynamische Schattierungen und elegante Chromatik, wirkt das rhythmisch dominierte Werk doch ein wenig sperrig. Es gilt, Kontrapunkte zu erhören, Umkehrungen zu entdecken. Symmetrisch gliedern sich die Sätze um das Scherzo bulgarese. Mitunter scheint von ferne der "Stadtverkehr" zu pulsieren: Sirenen, Hupen, Rauschen. Hier fließt Energie, das volle Leben - aufreizend, nicht eingängig. Es jault und schrammelt, der Bogen schlägt, das Griffbrett macht Musik. Tanzrhythmen bestimmen das Finale.

Wunderbar zarte Violine

Klassik-Fans kommen auf ihre Kosten mit dem "Reiterquartett" op. 74 Nr. 3 g-Moll von Haydn. Er gilt als Vater des Streichquartetts. Nach dem kräftigen, mit Vorschlägen gespickten Unisono fließen die Triolen leicht und freundlich. Aus Moll wird Dur. Weiche Phrasierung bezirzt. Das Largo kommt pathetisch und intensiv, mit makellos feierlichem Bogenstrich daher, wunderbar zart spielt die Violine. Das Menuett wirkt springlebendig wie ein Bächlein im Frühling. Am Ende jagt im Galopp ein dynamisches Allegro con brio.
Martha Agethen




Kodály-Quartett: Ein Wechselbad der Gefühle

1.3.2011 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Das Publikum im Bühnenhaus musste am Sonntagabend durch ein wahres Wechselbad der Gefühle gehen - und ließ sich mitreißen. Dafür sorgte das Kodály-Quartett. Das ungarische Streicher-Ensemble brillierte hoch professionell und bewies seinen musikalischen Facettenreichtum.

Erika Tóth (Violine), Attila Falvay (Violine), Jänos Fejervári (Viola) und György Éder (Violoncello) unterhielten ihre Zuhörer anderthalb Stunden lang mit Stücken von Zoltán Kodály, Joseph Haydn und Bela Bartók. Eine Auswahl, die es emotional in sich hatte: Schmerzlicher Melancholie und ungarischer Schwermut folgte beinahe tanzbare Menuett-Klänge, und das Ganze endete mit einem furios-dramatischen Finale. Das Streichquartett Nr. 2 op. 10 von Kodály bildete den Auftakt. Fremdartig und gleichzeitig aufregend erklang, was die Instrumente ineinander woben. In den Kompositionen der klassischen Moderne klangen deutlich von ungarischer Musik gefärbte Elemente durch. Das Allegro giocoso, das den Abschluss des ersten Quartetts bildete, war virtuos interpretiert und schien beinahe ins Beschwingte abzugleiten, brach dann aber doch wieder diese Erwartungshaltung.

Kodálys Komposition folgte das Streichquartett 74 Nr. 3 von Joseph Haydn. Die vertrauten, frühlingshaft leichten Klänge des Klassikers wurden von den Musikern fein intoniert. Die Komposition verlangte exzellente Fingertechnik und Präzision. Die Musiker und ihre Instrumente harmonierten hochklassig miteinander. Mit Bartóks Streichquartett Nr. 5 beschlossen die Akteure das Konzert und zogen noch einmal alle Register ihres Könnens. Sie spielten mit Dissonanzen und beruhigten mit ungewöhnlichen Klangkombinationen, gipfelten in einem Allegro vivace, das aufwühlte.,

Die Zuhörer entließen das Quartett mit viel Applaus und erst nach zwei Zugaben, die manche von Bartók erregte Gemüter wieder einigermaßen beruhigten. Lächelnd verkündete György Eder: "Jetzt spielen wir ein Menuett von Franz Schubert", und prompt ging ein zufriedenes Seufzen durch das Bühnenhaus. Die zweite Zugabe, ein Stück von George Gershwin, wurde ebenfalls begeistert aufgenommen. sh





Klavierkonzert: Das Wunderkindkehrt nach Wesel zurück

23.1.2011 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Die Erinnerungen schweifen zurück. 1990 begeisterte ein zuvor als Wunderkind gerühmter junger Pianist namens Andreas Bach im Weseler Lutherhaus. 42-jährig kehrte er jetzt nach Wesel zurück und stellte im Bühnenhaus einen Mix aus modernem Bartok und romantischem Schumann vor. Viele kamen. Freude über so viel Licht durchflutete Musikalität machte sich allenthalben breit. Bartoks Erweiterung der tonalen Basis modulierte Andreas Bach zum Hörgenuss und überzeugte mühelos auch den Klassikfreund. Vielleicht lag es an der großen Natürlichkeit im Spiel, was Bartoks Vorliebe für Volksmusik entgegenkommt. Jenseits der Effekthascherei verwandelte Bach auf dem Teppich großartiger Technik Musik in eine individuelle Idee: In der Durchführung blieb er kontrolliert und schuf einen einzigen großen Spannungsbogen. In den "Bagatellen op. 6" webte er ein Geflecht aus einfachen Melodien, meilenweiten Tastensprüngen, sausenden, federleichten Akkorden. Bitonalität wirkte plötzlich eingängig statt schwierig. Die Haare flogen, der ganze Mann war in Bewegung.

Dennoch zeigte er nie diesen tobenden Vernichtungswillen am Flügel wie manch anderer. Er erzählte eher eine musikalische Geschichte. So auch in der rumänisch angehauchten "Sonatine". Von Robert Schumann hörte man zwischendurch "Arabesque" op.18. Die Fantasie, gestrickt aus sanften Träumen und schäumender Leidenschaft, wurde Tummelplatz für agogische Freiheiten. Wegen solcher Interpretationen steht Andreas Bach im Ruf, nach Noten zu improvisieren. Es folgte die große Schumann-Sonate g-Moll. Energie und virtuose Brillanz grenzten ans Sensationelle. Doch es gab auch blütenzarte, lyrische Ranken innerhalb dieses Sturms aus atemlos jagenden Läufen, Synkopen und Raffungen. Eher genießerisch gestaltete sich der Streifzug durch die naturalistischen "Waldszenen" op.82.

In neun Miniaturen waren Poesie, friedvolles Rauschen, Unheimliches, doch auch der Lärm der Jäger oder die munteren Vogelstimmen ausgekostet. Eine gute Laune-Fantasie mit einem Hauch Melancholie. Nicht ohne Grund erklang direkt danach Bartoks Suite "Im Freien". Ein ganz besonderes Naturmusikerlebnis boten hier die "Klänge der Nacht". Der Künstler diktierte jedem Laut seine spezielle Färbung, variierte ständig das Tempo. Sympathisch: nach jedem Stück stellte die weltweit erfolgreiche Pianist sich mit schelmisch fragendem Lächeln vors Publikum, als wollte er sagen: "Na, wie fandet ihr's?" Großartig natürlich!
Im Bühnenhaushof stand der WDR-Aufnahmewagen. Am 15. Februar, 20 Uhr, wird die Aufzeichnung auf WDR 3 gesendet.
MARTHA AGETHEN




Ein Meister, der mit dem Piano lebt

23.1.2011 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Der Auftritt von Andreas Bach im Bühnenhaus riss das Publikum musikalisch wie auch optisch mit. Andreas Bach kam mit schnellen hakeligen Schritten auf die Bühne. Er verbeugte sich, setzte sich ans Klavier, straffte das schwarze Hemd und "haute" geradezu im Wortsinne in die Tasten. Diese Intensität und Unvermitteltheit packten die Zuhörer im Bühnenhaus im Nu. Die Mimik des Pianisten war intensiv. Ständig bewegte sich sein Mund, schien er die Melodien mitzusingen. Seine Haare flogen wild hin und her.

Das Programm zeichnete sich durch Vielseitigkeit aus. Kein Stück blieb in dem Stil, mit dem es begann. Aus ruhig und bedächtig wurde schnell und laut und wandelte sich dann wieder. Die Vier Bagatellen op. 6 von Béla Bartók klangen heiter, überschwänglich, wie ein Trippeln mit lediglich einzelnen melodiegebenden Tönen. Wieselflink flitzten die Hände über die Klaviatur. Energisch schickten sie teils bedrohlich anmutende Klänge in den Saal. Das Allegro (Nr. 9) erinnerte an eine Szene aus den Tom & Jerry-Cartoons, eine eilige Verfolgungsjagd, bei der Vasen zu Bruch gehen und Gardinen von der Decke gerissen werden.

An ein hüpfendes Kind auf einem Waldweg im Sommer erinnerte Schumanns Arabeske op. 18 zunächst, entwickelte sich dann zu einem schleppenden und schwerfälligen Lied. Die anfängliche Leichtigkeit, das Zarte, schien immer mal kurz durch, um dann wieder von den harten Klängen verdrängt zu werden. Bartóks Sonate für Klavier mit den Teilen Dudelsackpfeifer, Bärentanz und Finale erschien zunächst mit einem gewissen Witz. Locker und leicht, hatte es aber doch bereits eine gewisse Dramatik in der Melodie und erinnerte an eine Rockoper. Pianist Andreas Bach und das Instrument wirkten wie ein Zwei Personen-Theaterstück, in dem sie Diskussionen austrugen. Sie zeigten die Höhen und Tiefen, kämpften laut und versöhnten sich sanft.

Die Musik fesselte die Zuhörer. Nicht selten war nach dem letzten Ton ein stoßhaftes, befreiendes Ausatmen zu hören, bevor der Applaus aufbrandete. Der Enthusiasmus von Bach war mitreißend. Er steigerte sich in die Musik hinein, wippte auf seinem Hocker, spielte sich in Rage und wieder heraus, schnaufte fast hörbar und stampfte auf die Pedale. Beim lauten Abschlussapplaus deutete Bach immer wieder auf das Klavier - seinen Spielpartner an diesem Abend.
Der WDR 3 zeichnete das Konzert auf. Sendetermin ist der 15. Februar, 20 Uhr auf WDR 3.
ANNA BLASWICH





Melodische Linien

6.12.2010 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Trompeter und Philharmonie überzeugten

Die Neue Philharmonie Westfalen hatte beim jüngsten Auftritt in der Kreisstadt einen besonderen Gast dabei: Trompeter Giuliano Sommerhalder begeisterte am Freitagabend im Bühnenhaus als Solist. Der mehrfach ausgezeichnete 25-jährige spielte zwei selten aufgeführte Trompetenkonzerte von Alexander Arutjunjan und Oskar Böhme. Wie geschaffen für das Zusammenspiel von Neuer Philharmonie Westfalen und Giuliano Sommerhalder schien das einsätzige Konzert für Trompete und Orchester in As-Dur des Armeniers Arutjunjan. Mal kraftvoll, mal zurückhaltend, schuf das Orchester dem Solisten den Raum, um seine feinen melodischen Linien zu platzieren.

Die stimmungsvolle Untermalung der Streicher nutzte Sommerhalder für sein virtuoses Spiel auf fantastische Art und Weise. Wie selbstverständlich präsentiert, zeugten der makelose Klang und die schwerelose Anmut für die Genialität dieses Trompeters. Russischen Tanz lange gesucht

Auf dem Kornett spielte Sommerhalder den „Danse Russe" in Moll, den russischen Tanz des Deutschen Trompeters Oskar Böhme. Dieser war nach seinem Studium am Musikkonservatorium Leipzig ins damalige Zarenreich Russland ausgewandert. Fast 40 Jahre spielte und lehrte Böhme in St. Petersburg, ehe er 1936 verbannt wurde. Sommerhalder verbrachte daher lange Jahre mit der Suche nach verschwundenen Partituren. Wir haben das Glück, über Giulianos Vater, Professor Max Sommerhalder, an das Material gekommen zu sein", sagte Dirigent Heiko Mathias Förster. Seinen Fund präsentierte das Ausnahmetalent seinem Publikum erfrischend und kraftvoll. Und das war begeistert. fb





Oper en miniature - die Hofkapelle überzeugt

8.10.2010 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Innerhalb der Bundesauswahl "Konzerte junger Künstler" hat sich ein junges Ensemble mit alter Musik einen Platz erobert: die Hofkapelle Schloss Seehaus, die jetzt im Rahmen des Muziekfestivals Niederrhein im Bühnenhaus Kostproben aus dem Umfeld der französischen Könige, darunter Opern, servierte: kantatenartig barock, kammermusikalisch intim und ohne den auch im damaligen Versailles üblichen großen Pomp.

Musik ohne Allüren

Ensemblemitglied Julia von Landsberg ist ein Sopran ohne Allüren. Ihre Ton-Konstrukte waren ebenso elegant und zierlich wie sie selbst. Sie besang, etwas verhalten wohl wegen einer vorausgegangenen Grippe, antike Mythen und Legenden aus Korinth und Karthago, kurze Stücke im flotten Wechsel von Rezitativ und Arie, geschrieben von Campra und Pignolet de Montelaire. Sie handelten von Arion, Sohn des Poseidon, den ein Delfin vorm Ertrinken bewahrt, oder der phönizischen Prinzessin Dido, die unglücklich, von Äneas verlassen, stirbt. Selbst wenn die Dramatik den Siedepunkt erreichte, blieb Landsbergs Stimme schlank und fein, schmeichlerisch zart, bewies mit hübschem Oberklang Klangkultur. Die Zuhörer konnten, derart angenehm gebettet, entrückt auf Gedankenreise gehen. Von Couperin, Hofkomponist Ludwig XIV, mochte man sich zwischenzeitlich rein instrumental mit dem Concert Royal Nr. 2 in die Gärten von Versailles entführen lassen.

Cembalist Torsten Übelhör machte seinem Namen keine Ehre und präsentierte eine ausgezeichnete Interpretation des von Verzierungen nur so wimmelnden Stückes "La d'Hericourt° von Balbastre. Nadelfeine Klänge waren mit Agogik zum Leben erweckt. Sonst, als Continuo, spielte das Cembalo, Arpeggien wie ein Springbrunnen versprühend, an der Seite des Cello, das seinerseits in Piroska Baranyay eine mit größter Musizierfreude begabte Meisterin fand. Dass hier einige Male die Tongenauigkeit litt, liegt an der historischen Aufführungspraxis.

Hart auf Darmsaiten

Mit hartem Bogen auf Darmsaiten spielt es sich halt anders. In langsamen kantablen Phasen wie dem Larghetto aus der Sonate c-Moll (Jean Barriere) jedenfalls entfaltete sich samtiger Celloklang zusammen mit dem silbrigen Cembalo. Die Geige von Claudia Mende produzierte dagegen filigrane, bisweilen zirpende Töne. Hervorragend gelang ihr, der englische Ausreißer im Programm, eine Sonate von Daniel Purcell, Bruder des berühmten Henry. Überm Cello und Cembalo sang sie ihr traurig-schönes Lied, um im nächsten Moment höchst virtuos ins muntere Allegro zu springen. Viel Applaus!
MARTHA AGETHEN





Musik zauberte Bilder herbei

13.9.2010 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Beim ersten Konzert der neuen Abo-Reihe überzeugte die Neue Philharmonie Westfalen das Publikum

Beim ersten Konzert der neuen Abo-Reihe verband die Neue Philharmonie Westfalen im Bühnenhaus die bildhafte und die klingende Kunst. Das Eröffnende "Le Taureau" von Matthias Bonitz fasste die Bilder des spanischen Malers Pablo Picasso zusammen. Die elf Variationen, die alle einen Stier, diesen jedoch immer weiter vereinfacht zeigen, beschrieb das Orchester mit Hilfe der Instrumente. Im Saal verbreitete sich Musik, die Pinselstriche nachempfand. Das dabei entstehende Werk, das eindrucksvolle Tier, das im Laufe des Malprozesses immer detailärmer wurde, aber imposant blieb, zeichnete sich wie von Zauberhand in die Köpfe der Zuhörer.

Der Dirigentenstab von Heiko Mathias Förster schien zu einem Pinsel zu werden. Ein Wischen, ein Winken - und die Bässe begannen zu summen, die Geigen zu flirren und die Kastagnetten zu klappern. Das letzte Bild der Reihe war dann auch in seiner musikalischen Umsetzung so einfach, dass das knarrende Geräusch des Streichens der Geigen beinahe im ganzen Saal lauter klang als die Musik - ein feiner Pinselstrich zum Schluss.

Mit Tönen gemalt

"Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgsky in der Bearbeitung von Maurice Ravel nahm das Publikum mit ins Museum. Das Werk vertont eindrucksvoll Gemälde von Schlössern und Marktplätzen. Mal klang das festlich, mal fröhlich wie zwitschernde Vögel. Beim Bild "Die Katakomben" änderte sich die Stimmung in eine dramatische, fast bedrohliche, bevor die Bläser sie in eine hoffnungsvolle wandelten. "Das große Tor von Kiew" betrachteten die Zuhörer mit Hilfe der Musik beim majestätischen Finale. Peter Tschaikowskys Sinfonie N. 5, e-moll op. 64, lieferte den effektvollen Abschluss des Konzertes.

Ein Auf und Ab, einfühlsame und harmonische Passagen wechselten mit rasch und rigoros anschwellenden. Jedes der drei Stücke stand für sich, so war es nicht leicht, sich ganz von der ständig wechselnden Musik tragen zu lassen. Andererseits sorgte gerade dies dafür, dass jedes Element die Phantasie der Zuhörer neu anregte, die Musik in Bilder umzuwandeln. Mit großem Applaus bedankte sich das Publikum für den Abend, den es, wie es schien, im Konzertsaal und im Museum verbrachte.
ANNA BLASWICH




Allianz von Kunst und Musik

13.9.2010 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Start in die neue Konzertsaison: Neue Philharmonie Westfalen spielte im Bühnenhaus. Das Programm umfasste Mussorgsky, Tschaikowsky und ein modernes Stück von Matthias Bonitz, das Lithografien von Picasso gewidmet ist.

Bildende Kunst und Musik in Allianz! Bilder wurden zu Tondichtungen, als jetzt die Neue Philharmonie Westfalen mit Schwung und symphonischem Glanz in die neue Konzertsaison startete. Mütterchen Russland lebte mit Mussorgsky und Tschaikowsky auf. Es gab mehrfache, ausgezeichnete Solopassagen. Die erste halbe Stunde drehte sich um die Metamorphose eines Stiers - "Le Taureau". Matthias Bonitz, Komponist und NPW-Kontrabassist, widmet das Stück gleichnamigen Lithografien von Picasso.

Die strotzende Kraft des Stiers

So wie sich im Bilderzyklus die strotzende Kraft des Tiers allmählich in wenige Striche auflöst, so "filetiert" Bonitz auch das zunächst breit angelegte, basslastige Orchesterwerk. Vernimmt man anfangs über großes Schlagwerk und grollendes Blech Stampfen und wildes Stierschnauben, schwindet das pralle Leben nach weiten, fragmentarisch abgerissenen Passagen endlich zum zirpenden Flageotthauch der ersten Geige.

Nach dieser Berührung mit Zwölftonmusik lud die NPW in farbenprächtiger, spannender Inszenierung zum Spaziergang durch die zehn "Bilder einer Ausstellung" (Ravel/Mussorgsky). Gegenüber der puren Klavierfassung ein üppiger Musikgenuss. Die keifenden Marktweiber von Limoges schienen geradezu der komischen Oper entsprungen zu sein, schwerfällig zog im Fortissimo ein Ochsenkarren vorüber, Pizzicato zeichnete trefflich das unheimliche Flair trippelnder Hexen. Ein archaisch wirkendes Fagott war Zeuge im Liebeswerben des Minnesängers vorm alten Schloss, eine einzelne Trompete beleuchtete würdig die gruselige Totenschädelszene.

Ganz besonders entzückend und federleicht gespielt war der vorwitzige Balletttanz der Küken in ihren Eierschalen, die noch nichts von der Härte des Lebens wissen. Schließlich mündete das Werk ins mit mächtigen Becken- und Gongschlägen auftrumpfende, pompöse Klangbild "Das große Tor von Kiew". Den gewaltigsten Applaus zog Tschaikowskys Sinfonie Nr.5 nach sich. Fehlte auch in Wesel die zugehörige multimediale NPW-Inszenierung von Tobias Melle, war doch ein Wechselbad gegensätzlicher, romantischer Stimmungen erlaubt; es wurde jedoch nicht allzu sehr auf die Gefühlstube gedrückt. Ein Sturzbach wild schäumender Fortissimo-Passagen jagte das erste Allegro, im Seitenthema klagte die einsame, sensible Klarinette. Ein dunkler Streicherteppich - allein fünf Kontrabässe darin - führte ins gedehnte Andante cantabile, wie versöhnlicher Seelenbalsam stand plötzlich ein weiches Hornsolo im Raum. Mondäne Eleganz des Zarenreiches spiegelte sich in flüssig-leichten Walzerklängen.
MARTHA AGETHEN





Die Pirouetten des Pianisten

17.8.2010 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Jacek Kortus spielte beim vierten Klaviersommer-Konzert in der Musikschule.
Stehende Ovationen dankten für einen großartigen Auftritt zum Abschluss der Veranstaltungsreihe.

Zum Chopin-Abend am Sonntag strömten die Freunde des großen Komponisten zur Musikschule. Im Nu erhoben sie auch den jungen Pianisten Jacek Kortus zum Favoriten und würdigten mit stehenden Ovationen ein großartiges Konzert zum Abschluss des Klaviersommers. Unglaublich, zu welcher Meisterschaft es der erst 22-jährige, sympathische Pole bereits gebracht hat, der schon als 17-Jähriger ins Finale des Chopin-Wettbewerbs Warschau einzog.

Kein Stuhl blieb frei

Kein Stuhl blieb frei, für ehrfürchtiges Staunen und große Begeisterung sprachen die Mienen der Zuhörer. Spannend bis zum Schluss blieb der Reigen durch all die bezaubernden Werkgattungen, mit denen Chopin bis heute ein großes Publikum anzieht. Mit viel. Gefühl trotz allem Formensinn will der aristokratische, beinah feminine Feindenker Chopin interpretiert sein. Kortus verwandelte sich in diesen Träumer und Virtuosen, setzte sorgfältig und selbstvergessen verschiedenste Bausteine jedes' einzelnen Stücks nahtlos zusammen: schwebend elegante Pirouetten entsprachen 'dem Geschmack des französischen Salonlöwen. Chopin, straffes, heldisches Akkordgehämmer war geprägt vom Nationalstolz des Polen Chopin. Von technischer Finesse kündeten die zahllosen, eleganten Arpeggien.

Sein: Einfühlungsvermögen stellte Kortus mit dem, einleitenden Nocturne op., 62,2 unter .Beweis..: Der wohltuend entspannte, weiche Fluss der Melodie ließ 'noch nichts ahnen von den erregend peitschenden Sturzbächen der nachfolgenden Werke op 25. Verschwunden war die Elegie, auch kein strenges Etüdenmaß regierte hier, furios und gewaltig meisterte Kortus vielmehr, quasi als Gleichnis für höllische Konflikte, denen Chopin zeitlebens unterworfen war, die gewaltigen technischen Hürden der Etüden a-Moll (Beiname "Winterwind") und h-Moll. Schmerz und lyrischer Feinsinn wetteiferten im tragischen Heldenepos der Ballade op.23 bis hin zum brodelndem Finale. Nach dem wunderbar pulsierend und leichtfüßig gespielten Walzer op.42 komplettierte die technisch brillante Polonaise op.53 den ersten Konzertteil. Den zweiten Konzertteil leiteten drei, hübsch inspirierte knappe Mazurken op. 59 ein, bevor es noch einmal mit großen Partien zur Sache ging: in der Polonaise Fantaisie op. 61 vollzog sich ein Wandel der Energie vom hauchzarten Traumgedanken bis zum hoch aufschaukelnden Gefühl, umrahmt vom Galopp der Polonaise-Tanzrhythmen.

Das Tempo getrieben

Kortus trieb das Tempo energiegeladen vorwärts, gipfelte in parallelen, endlosen Trillern beider Hände. Zum Abschluss dann die düstere Sonate II, op. 35 inklusive "danse funebre" und dem markanten Herzstück "Trauermarsch". Da war es Erleichterung und Erlösung, dass das sprühende Feuerwerk der Etüde op. 10,4 (Zugabe) diese dunkle Stimmung wegblies.
MARTHA AGETHEN




Chopin im Regen

17.8.2010 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Weseler Klaviersommer endete mit Jacek Kortus und lautem Jubel

Jacek Kortus ist jung, begabt und beendete am Sonntag den Weseler Klaviersommer mit einem opulenten Konzert voller Chopin-Beiträge.

Die Reihe schien ihrerseits den Sommer zu beenden: Begann das erste Konzert bei frühlingshaftem Wetter, stiegen die Temperaturen mit den weiteren Veranstaltungen, so begleitete nun rauschender Regen die Musik. Chopin lockte viele. Kortus präsentierte seine Stücke auf intensive Weise. Er lebte die Musik mit und machte es den Zuhörern in der Musikschul-Aula auf diese Weise leicht, die Melodien zu genießen. Mit dem gefühlvollen Nocturne E-Dur op. 62,2 zog der Pianist das Publikum unmittelbar in seinen Bann. Die Etüde a-Moll, op. 25,11 wirkte wie Meditation. Beruhigend und entspannend, vertrieben die Klänge den Stress der Woche.

Chopins Lieder schufen eine abwechslungsreiche Atmosphäre. In ihnen zeigte sich die Vielfalt des Künstlers. Langsame Elemente wechselten mit abrupten, aufrüttelnden Akzenten. Die Ballade g-Moll op. 23 vereinte Herz, Gedanken, Tanz und Humor, aber auch Drama und beinahe Hysterie. Wild, dann geradezu zerbrechlich, wie der Klang einer Spieluhr, erklang das Scherzo h-Moll, op. 20. Hier war der Regen besonders passend, der in den ruhigen Momenten in den Vordergrund trat. Mit spontanem Zwischenapplaus bedankten sich die Zuhörer bei Jacek Kortus.

Wie ein Traum schienen die drei Mazurken op. 59. Filigran präsentierte Kortus Moderato, Allegro und Vivace. Den musikalischen Höhepunkt bildete sicherlich die Sonate II, b-Moll, op. 35. - intensiv, dramatisch und polternd. Mit ihr hielt der Pianist das Publikum in Atem. Nach lautem Jubel, großem Abschlussapplaus. und Blumen beglückte der Pianist die Weseler mit einer rasanten kleinen Zugabe und beschloss den Klaviersommer so mit einer Vorstellung, die schon jetzt Lust auf die nächste Konzertreihe machte.
ANNA BLASWICH






Pianist Vielhaber zog Publikum in seinen Bann

19.7.2010 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Unverkennbar war sein Können. Unüberhörbar seine empfindsame Interpretation der Werke. Überzeugend seine ausgefeilte Technik. Der Pianist Gerhard Vielhaber bannte das Publik am Sonntag in der Aula der Musik- und Kunstschule von den ersten Takten an. Überragend war sein Auftritt. KÄmmerling-Schüler! Einer, der Stipendien erhielt, in die Künstlerliste des Deutschen Musikrates aufgenommen, als Solist zu großen Festivals und zu Rundfunkaufnahmen, ins Ausland eingeladen wurde.

Nach zehn Jahren, als er sich noch vor dem Abi solides Rüstzeug im Weseler Meisterkursus beim international hoch angesehenen Prof. Karl-Heinz KÄmmerling erarbeitete, spielte er wieder auf dem ihm bekannten, Flügel am unvergessenen Ort. ZunÄchst Mozarts Sonate D-Dur, KV 31.1. Keine heitere Galanterie, die dem Komponisten auch heute oft noch quasi als Markenzeichen nachgesagt wird. Vielhaber horchte Äußerst sensibel in Mozarts Klangstrukturen, legte verborgene Gedanken frei, erschuf diese neu aus der Notenschrift, mit dem ganzen Sein seiner eigenen Künstlerpersönlichkeit. Geistreich das erste Allegro; mit allen Sinnen ertastend die unter melodischen Liedbögen verdeckten dunklen Ahnungen; das finale Rondeau fröhlicher Aufbrüche, federnder Tänze und dazwischen Augenblicke des Innehaltens im Wissen davon, dass pure Freude nicht alles im Leben ist. Erdverhafteter erschien Prokofievs Sonate Nr. 4 c-Moll, op. 29, deren Anfangstakte sich aus unergründlichen Tiefen erhoben. Indes mischten sich bald hellere Farben ein, schlackenfreie Sicht prägte dann die zentrale Aussage. Die freilich wurde streckenweise doch von der Unausweichlichkeit des Kampfes beherrscht.

Auch im Andante assai, dessen Halt suggerierende, von Stampftönen begleitete Ruhe von atemgleichen Crescendi zum Aufruhr getrieben wurd. Wie ein Mensch Leben und Welt: ungestüm ergreift, schilderte das Schluss-Allegro - mit virtuoser Brillanz. Auch Schuberts Sonate A-Dur, D 959, erzählte vom Leben: zu Beginn mit Akkordschlägen die Schönheit ertrotzend, danach selig besingend. Nach dem liedhaft innigen Andantino folgte ein neckisches Scherzo. Aussagestarke Pausen unterbrachen die Botschaften des virtuos angelegten finalen Rondos. Großer Applaus, Zugabe. Wichtiger freilich wurde Vielhabers öffentlich gesagter Dank für die Tage des Lernens in Wesel. Initiiert hatte die Meisterkurse der damalige Musikschulleiter Wulff-Dieter Irmscher, dessen Wegweisung nun in Wesel angekommen ist.
HANNE BUSCHMANN




Ein passendes Sommerabend-Konzert

19.7.2010 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Der Pianist Gerhard Vielhaber trat im Rahmen des Weseler Klaviersommers in der AUla der Musik- und Kunstschule auf. Ganz still wurde es in der der Aula der Musik- und Kunstschule, als Gerhard Vielhaber sich an den glänzend schwarzen Kawai-Flügel setzte und seinen Vortrag begann: Das Publikum erwartete ein anspruchsvolles und überraschendes Klavierkonzert; im Rahmen des 12. Weseler Klaviersommers gab sich am Sonntagabend der 28-jährige Gerhard Vielhaber, der mit sechs Jahren seine ersten Klavierstunden bekam, die Ehre und glänzte mit Sonaten von Wolfgang-Amadeus Mozart, Sergei Prokofjew und Franz Schubert.

Den Auftakt bildete Mozarts Sonate D-Dur, KV 311, die Vielhaber mit so viel Schwung, Leichtigkeit und Esprit interpretierte, dass durch die überhitzte Aula eine frische Brise zu wehen schien. Mit unglaublicher VirtuositÄt und sichtbarer Freude an der Musik gab sich der junge Pianist seinem Instrument und den Noten in seinem Kopf hin, so dass allein das Zuschauen ein Genuss war. Mozarts Sonate wirkte wie verspielte Sommerlichkeit, eingefangen in Noten, die so frei von Schwere war, dass es kaum ein passenderes Stück für einen Sommerabend gegeben hätte.

Vielhaber, der schon mit zwölf Jahren zum ersten Mal auf dem Flügel der Weseler Musikschule spielte, brachte Mozarts Leichtigkeit auf den Punkt und begeisterte sogar die kleinen Mädchen in der ersten Reihe, die im Takt der Musik mit dem Fuß auf den Boden klopften. Bei ihm wurden Allegro con spirito und Andante con espressione mehr als deutlich. Wer nach Mozarts Sonate eine ähnlich beschwingte von Prokofjew erwartete, irrte. Die Sonate Nr. 4 c-Moll, op. 29 bildete den exakten Gegensatz zum vorhergegangenen Stück: Düstere, beinahe drohend dominante Passagen zeichneten deutlich den Zeitgeist der Generation Prokofjews, der von 1891 bis 1953 lebte. Aber Vielhaber interpretierte diese Sonate mit Hingabe und Liebe zum Stück, auch wenn es so ganz andersartig, an manchen Stellen fast schrill und unerträglich präsent wurde. Vielhaber lebte die Stücke und wurde mit nicht endendem Applaus entlassen. Das überwältigte Publikum konnte nur „Toll“ hauchen und fasziniert in die Pause gehen, um sich zu erfrischen und daraufhin das Konzertfinale, das aus Franz Schuberts Sonate A-Dur, D 959 bestand, zu genießen.

Das vierte und letzte Konzert des diesjährigen Klaviersommers wird am Sonntag, 15. August, vom polnischen Pianisten Jacek Kortus bestritten. Um 18 Uhr erwartet die Zuhörer in der Aula der Musik- und Kunstschule ein Potpourri aus Stücken von Chopin.
Stefanie Hain






Fröhliche Momente und dramatische Passagen

22.6.2010 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Der amerikanische Pianist Eric Zuber begeisterte das Publikum beim zweiten Konzert des Klaviersommers Der, zwölfte Weseler Klaviersommer ist abwechslungsreich wie das Wetter. Der. Auftakt kam mit viel Sonne und gefühlvollen Klängen von Liszt, Schubert und, Mendelssohn-Bartholdy mit dein Italiener Carlo Guaitoli, dass zweite Konzert am Sonntagabend hingegen fand bei kühlen und wenig sommerlichen Temperaturen statt lenke aber; gut vom derzeitigen Wetter ab. Der Stil des Pianisten Eric Zuber ist fest und kraftvoll. Laut und temperamentvoll eröffnete der Amerikaner sein Konzert mit Ludwig von Beethovens Sonate c-Moll, op. 13 "Pathetique". Nach einer kurzer Verbeugung und einer leisen Begrüßung nahm er die vielen Zuhörer direkt mit in ein abwechslungsreiches Hin und Her..

Fröhliche Momente wurden immer wieder abrupt überrumpelt von dramatischen Passagen. Diese spielte Zuber hart, und es wirkte, als würde er mit den Fingern regelrecht' in die Tasten stechen, um diese spitzen und akzentuierten Tone zu erzeugen. "Andante cantabile" hingegen erinnerte an ein Abendlied, entspannend und voller Gefühl. Dies zeigte sich, auch in der Mimik des Pianisten, in der die Leidenschaft für die Musik offensichtlich war. Lebendig, wie eine erwachende Natur im Frühling klang CRondo allegro" und malte Bilder von fröhlichem 5prmgen, Hüpfen , und Tanzen.

Chopins "Drei Walzer", schien Eric Zuber. zu einem einzigen machen wollen. Schwer waren die Grenzen zwischen den Teilstücken zu erkennen, und so wirkte das Stück mit fast brutal bombastischem Anfang und später schnellen und feinen Tonfolgen sehr vielseitig. Mit geschlossenen Augen oder durch Raum wandernden Blicken lauschten die Besucher den fließenden Klängen. Robert Schumanns "Humoreske op. 20" präsentierte im Programmheft in den Titeln bereits die Gefühle, die das Lied auslösen sollte. "Einfach - sehr rasch und leicht hastig" wirkte der erste Teil tatsächlich und schien .die Gedanken der Zuhörer zu beeilen. Das zweite Stück "Einfach und, zart - Intermezzo innig" dagegen kam eher als schnelles Gerangel als als Gefühle daher. Der Schluss stimmte dann wieder. "Sehr lebhaft mit einigem Pomp zum Beschluss" war fidel, gefühlvoll und einfach schön. Nach dem finalen "Prelude Nr. 2 in B-Dur aus op. 23", das an flink klopfende Wassertropfen erinnerte, gab der amerikanische Pianist dem laut applaudierenden Publikum mit einem Stück von Chopin noch eine kurze, intensive Zugabe

Am 18. Juli ist beim nächsten Klaviersommer-Konzert in der Aula der Kunst- und Musikschule ab 18 Uhr der deutsche Pianist Gerhard Vielhaber zu Gast. Karten gibt es an der Abendkasse.
A.B.




Pianist Zuber begeistert in der Musikschul-Aula

22.6.2010 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Sonntag in der Musikschul-Aula, im zweiten Konzert des Weseler Klaviersommers: Mit fast imperialer Wucht und Selbstsicherheit hieb der amerikanische Pianist Eric Zuber die ersten Grave-Takte von Beethovens "Pathetique' in die Klavier-Tasten. In solcher Unbedingtheit wohl berechtigt, denn diese Sonate- c-Moll op. 13 gilt als Klanggestalt des Kampfes gegen die beginnende Taubheit des Komponisten. Im ersten Satz der Sonate bricht jener Trotz immer wieder auf, in längeren Abständen, variiert und meist verhaltener auch in den folgenden Abschnitten. Dass sich dennoch die Akzeptanz des Schicksals in einer harmonischen, wenngleich dunkel überfärbten Melodie äußert, spricht für Beethovens lebensbejahende Größe.

Interpretatorische Reife

Für den 25-jährigen Pianisten spricht seine interpretatorische Reife, das persönliche Bekenntnis des schöpferischen Geistes so nachempfindend darstellen , zu können: Im Andante cantabile sang ein heilsames Lied gegen die Gewalt des Leids. Das löste sich im letztlich leicht dahinfließenden Rondo, in dem jener unabweisbare realistische Ton leise mitklang.

Chopin als freundliche Hör-Einladung ans Publikum gab's auch in der Aula, freilich als Gabe eines Pianisten, der mehr kann und offenkundig auch will, als technische Brillanz zu servieren. Drei Walzer As-Dur op. 34,1; f-Moll op. 70,2; danach Des-Dur op. 64,1, der so genannte "Minutenwalzer". Besonders diese berückend locker gefingerte- Zauberei begeisterte natürlich. Das Scherzo II b-Moll op. 31 erforderte von den Hörern etwas mehr Aktivität in punkto eigener Erzähl- und Bildentwicklung. Im je eigenen Klang-Erlebnis hatte tägliche Wirklichkeit von Härte und Traum, Trauer und Tanz Platz.

Schumanns Humoreske op. 20, reine Lyrik in -musikalisch freier Form, wenn man so will- in genialen eigenständigen Miniaturen. Die sind nicht im gängigen Repertoire. Aber hohe Klasse und hier auch so wiedergegeben. Rachmaninovs rauschhaftes Prelude Nr. 2 in B-Dur aus op.23 gab dem Pianisten Gelegenheit, seine Virtuosität zu entfalten. Die Zugabe, eine Etüde von Chopin, gefiel wegen ihres Esprits. Verdienter langer Applaus.
HANNE BUSCHMANN






Die verschiedenen Seiten des Sommers

25.5.2010 / NRZ-LOKALAUSGABE/ WESEL

Auftakt zu vier Klavierkonzerten: Publikum feiert Carlo Guaitoli

Mit dem italienischen Pianisten Carlo Guaitoli startete am Sonntagabend der zwölfte Weseler Klaviersommer. Inder gemütlichen Aula der Musik -und Kunstschule mit den rohen Steinwänden eröffnete der Musiker ohne Umschweife mit Franz Schuberts "Vier Impromptus D 899". Die vier Teile verbreiteten ein Gefühl von Sommer, zeigten aber dessen verschiedene Seiten. Das "Allegro molto moderato" in c-moll schien den frühen Sommer zu beschreiben, der noch nach der Leichtigkeit des Frühlings klingt. Der zweite Teil "Allegro" in Es-Dur war der ideale Soundtrack für einen Sommertag. In den Köpfen entstanden Bilder von tanzenden Vögeln und Insekten, ein schönes Spiel, ein Hin und Her -ganz einfach aktiv und lebensfroh. Das "Andante" in Ges-Dur und das "Allegro" in As-Dur zeigten sich fester, stärker und schwerfälliger. Wie fließendes Wasser, das zunächst rieselte, dann zu einem Strom wurde und im Finale wieder ruhig fließend verschwand.

Die Zuhörerinnen und Zuhörer genossen die Klänge, bewegten sich mit dem ganzen Körper zur Musik oder schauten gedankenverloren durch die Fenster der Zitadelle auf die sommerliche Atmosphäre. Die "Variations sérieuses d-moll -op. 54" von Felix Mendelssohn-Bartholdy begannen bedächtig und nachdenklich, klangen fat zerbrechlich und zerbrechend. Pianist Carlo Guaitoli steigerte sich in das Lied, wurde mit ihm Hastig und wild, sodass seine Hände und Finger seinem Körper davonzuflitzen schienen. Der Italiener scheint kein Mann großer Worte zu sein. nach der Pause machte er eine kurze Verbeugung und weiter ging es mit Franz Liszts Liederbearbeitungen aus Schuberts Müller-Liedern. "Das Wandern" vermittelte die e4ntspannte Seite des Spazierens durch die Natur statt marschierender Dynamik. Bedeutungsvoll fragte Guaitoli "Wohin?", verbreitete mit "Ungeduld" dieselbe tatsächlich im Raum, hastete durch die Töne, so dass sie sich zu überschlagen schienen. Frédérik Chopins "Ballade IV f-mol - op 52" sollte das Konzert eigentlich beenden, doch das Publikum feierte den italienischen Pianisten mit stürmischem Applaus und Bravo-Rufen. Carlo Guaitoli setzte sich noch einmal ans Klavier und entließ die Zuhörer erst nach einem finalen Stück von Claude Debussy.
Anna Blaswich




Eine niveauvolle Vorlage von Carlo Guaitoli

25.5.2010 / RP-LOKALAUSGABE/ WESEL

Ein starker Akkord eröffnete am Pfingstsonntag den 12. Weseler Klaviersommer. Ein angeschlagener Akkord, dem der italienische Pianist Carlo Guaitoli eine lange Pause folgen ließ zur inneren Sammlung auf die musikalischen Kostbarkeiten, zugleich ein Akkord im übertragenen Sinn auf die Richtung gestalterischer Qualität hin. Guaitoli, 40 Jahre alt, ist einer der ältesten Interpreten der langjährigen Konzertreihe, zudem einer, der selbstverständliche Virtuosität nicht zum Selbstzweck erhebt. Das war schon am durchdachten Programm abzulesen.

Zu Beginn Franz Schubert: Akkord - Pause - Vier Impromptus D 899: Zuerst in c-Moll, einem feinen transparenten Klang-Gewebe. Dann das energischere, flink laufende Allegro in Es-Dur, gefolgt vom heiter fließenden Andante in Ges-Dur, beschlossen von den prägenden Arpeggien des As-Dur-Allegrettos. Die ersten Takte von Mendelssohns Variations sérieuses d-Moll op.54 wurden einer Gitterstruktur ähnlich aufgebaut. Dagegen entfaltete sich das Hauptthema, das fugiert, mit Synkopen, Staccati, liedhaften Elementen, Akkorden, Cluster melodisch reich verändert wurde, bis zum Resümee nach einer Atempause. Franz Liszts Liedbearbeitungen aus Schuberts Müller-Zyklus, Transkriptionen zur Bekanntmachung der Werke, betörten die Sinne mit verschwenderischer Tonmalerei, besonders in den Strophen der Forelle. Aus Années de Pélerinage Italie, den tonkünstlerisch gestalteten Eindrücken aus den jungen Wanderjahren des Komponisten, spielte der Pianist die Sonette 104 und 123 nach Liebesgedichten von Petrarca. Da funkelten berückende Triller-Passagen sowie aus der Ferne sich nähernde beglückende Gegenwartsmomente, verschattet von unterschwelliger irdischer Tragik.

Von einer leuchtenden Vision, der Erkundung des eigenen Selbst in der Welt und dem Scheitern dreier Brüder, wie es eine litauische Sage berichtet, erzählte Chopins Ballade IV f-Moll op. 52. Der bis zur Erregung gesteigerten Emphase der Interpretation konnte sich wohl keim Hörer entziehen. -Zwei Zugaben. Das gesamte Konzert: eine niveauvolle Vorlage für die Zukunft:
HANNE BUSCHMANN