Aus der Vereinsgeschichte

Die Anfänge

Eine Wohltätigkeitsveranstaltung des „Vaterländischen Frauenvereins“ unter dem Vorsitz der Frau des damaligen Bürgermeisters Poppelbaum bot im Winter 1912 etwas Außergewöhnliches: Ein eigens für diesen Anlass gegründeter Chor unter der Leitung des künstlerisch hoch begabten Musiklehrers Paul Wolff gab ein viel beachtetes Konzert. Der große Erfolg führte zum Entschluss zusammen zu bleiben, zumal der „Allgemeine Gesangverein“ Jahre vorher seine Aktivitäten eingestellt hatte. Der Chor gab sich den Namen „Musikverein Wesel“; erster Vorsitzender wurde der Klavierbauer Karl Adam. Ziel der Vereinigung war die Aufführung von zwei Chor- und sechs Meisterkonzerten in jedem Winterhalbjahr, zu denen nur namhafte Solisten, Künstler und Ensembles verpflichtet werden sollten.
Mit ungeheurem Schwung ging man an die Arbeit, und bereits im November 1913 gab es zwei glanzvolle Konzerte: Zur Aufführung von Händels „Judas Maccabäus“ reiste aus Hamburg der Händel Forscher und -Herausgeber Chrysander nach Wesel. Knapp drei Wochen später war Max Reger in einem Klavierabend mit eigenen Werken zu bewundern. Regers besondere Verbundenheit zu Wesel resultierte aus der Freundschaft zu Karl Straube, seinerzeit Organist am Willibrordi-Dom und später Thomaskantor in Leipzig, der eine Reihe von Regers Orgelwerken in Wesel uraufführte.
Obwohl der Erste Weltkrieg die Aktivitäten erheblich beeinträchtigte, konnten auch in dieser Zeit große Chorwerke aufgeführt wer den. In den 20er Jahren wurde der Musikverein im Konzertleben eine feste Größe am gesamten Niederrhein. Von Emmerich bis Oberhausen reichte die Zahl der Abonnenten.
Überliefert ist, dass Bürgermeister Poppelbaum eine nicht enden wollende Stadtverordneten-Sitzung mit der Bemerkung abbrach: „Meine Herren, im Gemeindehaus ist gleich ein Meisterkonzert des Musikvereins, das wir doch nicht versäumen wollen. Zu den restlichen Punkten darf ich Sie morgen zu einer weiteren Aussprache bitten“.
Der seit dem Ende der 20er Jahre gültige Zusatz „Städtisch“ im Vereinsnamen geht auf eine Eigenmächtigkeit des Vorstandes zurück. Auf einem Werbeplakat (entworfen von dem Maler Paul Oppenberg) sollte die starke Anlehnung an die Stadt sichtbar werden. Da die Plakate gedruckt werden mussten, der Bürgermeister aber für mehrere Wochen in Urlaub gefahren war, konnte man die Genehmigung nicht mehr einholen. Die nachträgliche Zustimmung ist dann nicht versagt worden. Aber auch mit diesem Zusatz hat der Verein bis heute seine Eigenständigkeit gewahrt.

Nachkriegszeit

Die Katastrophe der Zerstörung Wesels im Frühjahr 1945 begrub auch das Vereinsleben völlig. Aber schon im Mai 1946 rief Chorleiter Heinz Kirch zur Neugründung des Chores auf. Neben den wenigen Mitgliedern aus der Zeit vor dem Kriege fanden sich binnen Wochen viele junge Stimmen, die trotz schwierigster Bedingungen – im Winter musste jeder Chorist ein Brikett zum Beheizen des Probenraums beisteuern – mit viel Idealismus eine neue Chorgemeinschaft formten. Auch Kammermusiken und Liederabende wurden wieder veranstaltet. Bald konnte das hohe künstlerische Niveau der Vorkriegsjahre erreicht oder gar übertroffen werden.
Seit 1949 gab es dann auch wieder einen gewählten Vereinsvorstand. Dem neuen Vorsitzenden Dr. Arno Brüggentisch standen mit Hanni Bröckerhoff, Heinz Günzing, Kurt Heidel und Karl Mölders Idealisten zur Seite, die sich ehrenamtlich über Jahrzehnte bis zu ihrem Tode mit unermüdlichem Einsatz um die Entwicklung des Vereins bleibende Verdienste erworben haben.
Das Wort von der großen Vereinsfamilie trifft auf den heute etwa 220 Mitglieder zählenden Städtischen Musikverein Wesel e.V. in besonderem Maße zu. Vorstandsarbeit und Chorleitung tragen das Gütesiegel einer langjährigen Kontinuität. Der seit 2006 amtierende Vorsitzende Dr. Hans-Eckhard Scholz hat in der 90jährigen Vereinsgeschichte lediglich sechs Vorgänger: nach Karl Adam für „nur“ 3 Jahre Dr. Arno Brüggentisch, dann bis 1973 Wesels Ehrenbürger Dr. Hans Tienes, zwei Jahrzehnte Ernst-Otto Eberhardt, Carlo Buschmann und danach Fritz Franck.
Dem im Ersten Weltkrieg gefallenen Dirigenten Paul Wolff folgten Dr. Eduard Kreuzhage, 1924 Karl Plato und 1935 Heinz Kirch, dem für seine über 40 (!) Jahre geleistete Chorarbeit die Stadt Wesel den Ehrenring verlieh. Seit 1977 bis zum November 2003 leitete Volker Haubitz den heute 60 Mitglieder zählenden Chor.

Aufbruch

Von 2004 bis April 2018 war Hans-Günther Bothe Chorleiter und hat mit dem Chor zahlreiche, für Sängerinnen und Sänger wie auch für die Zuhörer noch unbekannte Werke sorgfätig einstudiert und erfolgreich aufgeführt.

Seit September 2018 ist Dominik Giesen Chorleiter des Städtischen Musikvereins Wesel. Mit neuen Ideen und viel Elan wird er Bewährtes und Neues in das Chorprogramm einbeziehen.

Die städtische Anerkennung der kulturellen Arbeit des Musikvereins als Konzertveranstalter zeigt sich in einer regelmäßigen finanziellen Förderung. Steigende Kosten und gekürzte Zuschüsse machten es jedoch immer schwieriger, das im weiten Umkreis geschätzte hohe Niveau der Abonnementkonzerte zu halten. Um eine Verringerung des Angebots zu vermeiden, wurden im Jahre 1997 die bis dahin getrennten Konzertreihen des Musikvereins und der Stadt Wesel zusammengeführt.
Die vom Publikum bestens angenommene neue Reihe enthält seitdem vier Kammermusikabende und drei Orchesterkonzerte, die alle im Städtischen Bühnenhaus stattfinden.

1999 erweiterte der Musikverein in Zusammenarbeit mit der Musik- und Kunstschule, der Stadt Wesel und der Firma KAWAI sein Konzertangebot. Einmal monatlich von Mai bis August gastieren beim „Weseler Klaviersommer“ in der Aula der Jugendmusik- und Kunstschule internationale junge Künstler. Diese „kleine“ Reihe erfreut sich mittlerweile großer Beliebtheit.